Jens Bunge gehört zu den führenden Harp-Playern im Jazz und
ist als passionierter Reisender auch im asiatischen Raum
ein Begriff.

FS: Du stellst am 17. Mai in Mannheim im Chinesischen Garten im Luisenpark in
Mannheim deine neue CD "Shanghai Blue" vor.
Der spezielle Auftrittsort kommt nicht von ungefähr…
JB: Genau, das Ambiente könnte besser nicht zur Musik passen, da wir – neben
einigen Eigenkompositionen – verjazzte chinesische bzw. taiwanesische
Volkslieder und populäre Songs aus dem Shanghai der 30er Jahre aufführen.
FS: …und speziell für das CD-Release Konzert lässt du sogar einen chinesischen
Gaststar einfliegen…
JP: Richtig! Coco Zhao, der als Protagonist des modernen Jazzgesangs in China
gilt, kommt extra für die insgesamt drei Konzerte – Saarbrücken, Mannheim und
Frankfurt – nach Deutschland.

FS: Wie kommt es zu deiner intensiven Zusammenarbeit mit Musikern "vom anderen
Ende der Welt"?
JB: Schon seit meiner ersten Reise nach Hong Kong im Jahre 1993 fasziniert mich
Asien. Singapur und Malaysia sind weitere Orte, in denen ich seit vielen Jahren
intensive Kontakte pflege, zu Jazzmusikern, aber auch zu Mundharmonikaspielern,
die in anderen Stilen, vor allem der Klassik, zu Hause sind. Das Instrument ist
dort sehr viel populärer als hier in Europa, man könnte es als die "Blockflöte
Asiens" bezeichnen.
2004 kam ich zum ersten Mal nach Shanghai und war sofort von dieser Stadt und
der dortigen Jazzszene begeistert. Schon damals entstand die Idee, ähnlich wie
Ende der 90er mein Projekt in Chicago, diese Eindrücke auf einer CD zu
dokumentieren. Aber ich wusste, dass ich diesmal keine amerikanischen
Jazzstandards aufnehmen würde, sondern eben chinesische Melodien und Gesang die
Hauptrolle spielen sollten, eben das, was das Typische an der Shanghaier
Jazzszene darstellt.
FS: Erzähle uns doch bitte etwa zur neuen CD. Wie würdest du die Musik
beschreiben?
JB: Ein Freund sagte mir, wenn ihn jemand fragen würde, was Jazz sei, dann würde
er ohne Zögern die Musik auf der CD "Shanghai Blue" als Beispiel nennen. Es war
mein Anliegen, die Melodien und bei manchen Liedern auch die chinesische Sprache
in den Stil des modernen Jazz zu überführen. Diese Vorgehensweise, Lieder aus
ihrem teils folkloristischen Kontext zu entnehmen und als Swing oder Bossa Nova
zu arrangieren, entstand im Grunde aus der Frage meiner chinesischen Freunde in
Singapur und Malaysia: wie würdest du als Jazzmusiker diese Melodien spielen
oder darüber improvisieren?
Im Falle des wohl bekanntesten chinesischen Volkslieds "Molihua" (Jasminblüte)
habe ich getan, was schon Charlie Parker mit Stücken wie "How High The Moon"
oder "I Got Rhythm" gemacht hat: nach einer umfassenden Re-Harmonisierung
schrieb ich eine komplett neue Melodie im Bebop-Stil, die das ursprüngliche
Stück nicht mehr erkennen lässt, und nannte den Titel dann "Moli-Bop"
Was ist für dich der besondere Reiz in der Zusammenarbeit mit den asiatischen
Kollegen?
JB: Viele asiatische Musiker sind extrem gute Techniker auf ihren Instrumenten,
denen es aber oft schwer fällt, sich kreativ zu betätigen. Das liegt meiner
Meinung nach an der konfuzianistisch geprägten Mentalität, in der ein Schüler
auf Jahre oder gar Jahrzehnte der ergebene Untertan seines Lehrers und Meisters
ist. Das akribische Nachahmen/Kopieren hat in Asien einen wichtigen Stellenwert,
das fängt ja schon beim Erlernen des Schreibens der chinesischen Schriftzeichen
an und ist beim Musizieren nicht anders. Aber allmählich emanzipieren sich die
dortigen Musiker vom amerikanischen Jazz und entdecken ihre eigene Kreativität,
ihre eigene Sprache. Dadurch entsteht eine neue, authentische Musik, die es so
nicht überall gibt.
Bei den Musikern, mit denen ich dort zusammenarbeite, ist dies ganz besonders
der Fall. Die Songs etwa, die Coco Zhao in seinen Konzerten singt, sind zum Teil
Volkslieder, Lieder aus dem alten Shanghai vor der Kulturrevolution, aber auch
eigene Texte und Vertonungen. Die Art und Weise, wie er diese Titel
interpretiert unterscheidet sich dabei sehr von dem früheren, recht biederen
Swingstil der 30er Jahre, wie er z.B. noch von ein paar älteren Herren in der
Bar des Peace-Hotels aufrecht erhalten und den dort absteigenden Gästen und
Touristen angeboten wird.
Jasmine Chen, die auf meiner CD einen Titel singt, schreibt chinesische Lyrics
auf amerikanische Jazz Standards, genau wie es z.B. auch Joanna Dong in Singapur
tut. Und vor 2 Jahren wurde ich, ebenfalls in Singapur, von der Popsängerin Ruth
Ling eingeladen, bei einem Titel ihrer CD mitzuwirken, der einen chinesisch
gesungenen Rap-Teil beinhaltet. Das ist schon etwas, was über das übliche
Standardprogramm eines Jazzmusikers hinausgeht.
FS: Glaubst du, dass zukünftig auch eigenständige Impulse für den Jazz aus China
kommen werden, oder ist das eher eine Einbahnstraße?
JB: Aufgrund der Experimentierfreude dieser jungen Musiker, die allesamt erst um
die 30 Jahre alt sind, entwickelt sich da im Moment etwas Eigenständiges, wobei
die Chinesen nicht im eigenen Saft kochen, sondern vielfältigen Einflüssen von
Musikern aus anderen Ländern ausgesetzt sind, da auch Amerikaner, Franzosen,
Italiener u.a. kräftig in der dortigen Szene mitmischen. So konnte ich z.B. bei
einem Konzert der "Lions of Puxi" eine originelle, verjazzte Reggae-Version von
Sting’s "Englishman in New York" mit französisch und chinesisch gesungenen
Strophen hören.
FS: Du trittst regelmäßig in Asien auf. Wie nimmt das lokale Publikum Jazz auf?
Gibt es eine stabile Jazzszene?
Wirst du außer als "Langnase" auch speziell als Mundharmonikaspieler dort als
"Exot" wahrgenommen?
JB: Im Vergleich zu meinem ersten Aufenthalt im Jahre 2004 kommen zu den
Konzerten im "JZ Club" nun wesentlich mehr chinesische Zuhörer als Ausländer –
ich würde den Anteil der Einheimischen auf etwa 3/4 schätzen – und auch der
Geräuschpegel ist merklich zurückgegangen, da diese nun aufmerksamer zuhören,
und nicht nur dorthin gehen, weil es "in" ist, dort gesehen zu werden. Coco Zhao
wurde, als er vor über 10 Jahren zu improvisieren und zu scatten anfing, von den
meisten chinesischen Zuhörern belächelt. In einer Großstadt wie Shanghai wissen
die meisten Einheimischen mittlerweile, was es mit dem Jazz auf sich hat, für
einen einfachen Bauern auf dem flachen Land wird ein improvisierter Jazztitel
aber sicher genauso fremd klingen wie für uns die Gesänge aus der Pekingoper.
Natürlich wirkt bei mir sicherlich der Exoteneffekt wegen des Instruments, das
zwar wie gesagt in China sehr populär ist, aber eben eher im volkstümlichen
Bereich oder im Blues eingesetzt wird, nicht jedoch im Jazz.
FS: …gibt es eigentlich gelegentlich auch einen musikalischen Einluss in
umgekehrter Richtung, also deutsche Volksmusik-Elemente bei deinen Auftritten in
China?
JB: Ja, durchaus. Um zu demonstrieren, wie man Volkstümliches "verjazzen" kann,
habe ich in einer Fernsehshow und bei Workshops an der "JZ School", bei der
örtlichen Harmonica Association und in einer Elementary School das auch in China
bekannte Kinderlied "Hänschen Klein" gespielt – einmal in der kindgemäßen, dann
in einer swingenden Version. In Konzerten habe ich solche Titel allerdings noch
nicht aufgeführt.
FS: Als Mundharmonika-Spieler bist du im Jazzbereich ja schon ein Exot, mit
deiner Synthese von westlichem Jazz und asiatischer Musik besetzt du eine Nische
in der Nische. Wie kommt das an? Gibt es schon Stimmen zur neuen CD?
JB: Ja, und das Feedback ist überwiegend positiv. Einige Rezensenten, die mit
mir Interviews führten, etwa fürs "Jazz Podium" und die "Jazzthetik", sagten
mir, dass sie positiv überrascht waren, dass sich die chinesischen Melodien so
gut mit dem Jazz verbinden. Nur ein Kritiker warf mir vor, der chinesischen
Volksmusik meinen europäisch-amerikanischen Jazzstil "übergestülpt" zu haben und
damit ein eher älteres Publikum anzuvisieren – damit kann ich aber gut leben, da
ich mit meinem Projekt ja genau das im Sinn hatte, und als Jazzer eben keine
Folkloreplatte oder eine Wischi-Waschi-World Music aufnehmen wollte.
FS: Die "deutsche Version" von Shanghai Blue erscheint bei Olaf Schönborns
Rodenstein Records, wie sieht es mit der Vermarktung der Aufnahme in China aus?
Der chinesische Markt ist ja potentiell riesig…
JB: Es gibt eine chinesische Lizenzpressung, die über das JZ Label in Shanghai
vertrieben wird. Das Internetforum www.chinaharp.com hat ca. 2 Millionen User,
nicht auszudenken, wenn nur 1 % davon die CD kaufen würden…
FS: Was sind deine weiteren Pläne in diesem Jahr?
JB: Im Sommer geht es zu einem Harmonika Festival nach Malaysia, zu Konzerten
und CD-Aufnahmen mit dem Gitarristen Rick Smith in Singapur, und von dort aus
noch zu Auftritten nach Hongkong und Shenzhen. Außerdem arbeitet mein
Duopartner, der Gitarrist Uli Wagner, an Material für eine CD, an der ich auch
mitwirken werde.
FS: …und die nächste Reise nach China ist schon gebucht?
JB: Hong Kong, das im August auf der Reiseliste steht, gehört ja faktisch zur
Volksrepublik China, hat aber immer noch einen Sonderstatus; um nach Shenzhen zu
kommen, brauche ich ein Visum, daran merkt man dann, dass man im "richtigen"
China ist..
FS: Besten Dank für das Interview und viel Erfolg bei den Release Konzerten und
mit der neuen CD!
Das Interview führte Frank Schindelbeck für
www.jazzblogger.de im Mai 2009
Fotos: Schindelbeck
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schriftlicher Erlaubnis. Zitate mit Quellenangabe: „jazzpages / 2009“