
Der asketisch wirkende Mitvierziger hinter Trommel und Becken lauscht konzentriert dem nahezu unhörbaren Klang der auf dem Messingbecken kreisenden Styroporkugel nach. Das ebenso aufmerksame Publikum in der historischen Opel-Villa glaubt die Stille atmen zu hören. Dann mahlt ein Stein auf Stein auf Eisen auf dem Fell der Trommel, das Burkhard Beins hin und wieder mit der Hand abdämpft. Vereinzelte Schläge mit der Metallklammer der Trommelbespannung wirken wie Explosionen. Der Berliner Künstler ist ein Magier der Sounderzeugung, stilprägend in der Schöpfung eines abstrahierten und reduzierten Einsatzes von Percussionsinstrumenten, ein Ästhet der Klangmiskrokopie. Im Programmheft wird er zu Recht als der „Leisetreter unter den Percussionisten“ angekündigt.
Beim Solokonzert – einer Gemeinschaftsveranstaltung der Stiftung
Opel-Villen und der Rüsselsheimer Jazzfabrik – werden die Zuhörer
Zeugen einer Art musikalischen „work in progress“, einer spontanen
Komposition, die der künstlerische Leiter der Jazzfabrik, Stephan
Dudek, in der Parallele zu der laufenden Ausstellung „Kunst zur
Arbeit“ sieht. Freie Improvisation ist ein Spiel mit den
Klangmöglichkeiten, der Erweiterung des traditionellen Musizierens
sowie der Verbindung natürlicher und elektronischer Sounds. Es
entsteht eine schillernde Klangsinnlichkeit.
Burkhard Beins zieht den Geigenbogen über den Rand eines Beckens,
lässt Sinustöne in variierenden Höhen schwingen. Er reibt Becken auf
Becken in auf- und abschwellenden Intensitäten, schiebt E-Bows
genannte Induktionstonabnehmer auf den Saiten einer alten Zither,
die mit Vibrato und Echo-Effekten lang anhaltende Schwingungen zur
Grundierung erzeugen, die sich wie Tinnitus in den Gehörgängen
festsetzen.
Mit
dem Reiben von Stein auf Stein, den Klöppelschlägen auf kleinen
aufgebockten Metallstäben, n Soundeffekten geriebener Metallknäuel (
wie sie die Hausfrau zum Putzen ihrer Pfannen nutzt) oder
Schmiergelschwämme (der Handwerker) sind den Geräusch-Tüfteleien
keine Grenzen gesetzt. Und dennoch sind solche Soundcollagen
keineswegs beliebig. Wenn die Kugel immer wieder über das Fell der
Trommel rollt, sorgen die Knäuel und Schwämme für feine
Tonabstufungen. Wenn ein Becken in ständig steigender Intensität und
wachsendem Tempo auf einem zweiten Becken kreist und Beins zum
Klöppel greift, dann nähert sich die Klangcollage einem Crescendo,
das in der nachfolgenden Stille aufgelöst wird. Freie Improvisation
geht keineswegs mit dem Negieren von Struktur und Logik einher.
Dies belegt Burkhard Beins nach diesem ersten akustischen auch in
einem zweiten elektronischen Set. Mit Verfremdungen setzt der
Percussionist ostinate Klangfiguren und statische -flächen gegen die
treibenden Entladungen von „Vibrationsstäben“. Die Sounds wecken
beim Zuhörer Assoziationen an mechanische Klänge der „Urban Sounds“.
Der Künstler hält eine Schärfung der Sinne und eine größere
Befähigung zu Pluralismus sowie Differenzierung für notwendig. Das
Rüsselsheimer Konzert wurde diesem Anspruch gerecht.