Eigentlich
fängt es ganz harmlos an. Da ist ein Säuseln in der Luft, der
verhangene Ton einer Trompete, dunkel gefärbt, sich
wiederholend in Loops und verzögernd in Delays. Der schwebende
Ton des Instruments ist eingehüllt in Klangwolken, aus der sich
eine Linie aus Bass-Ostinati und ein pulsierendes Schlagzeug schälen.
Die Gitarre steuert ein paar kratzende Soundfetzen bei, bevor
sich das Säuseln zu einem pfeifenden Wind steigert und schließlich
in einen Sound-Orkan nahe der Schmerzgrenze des menschlichen Gehörs
mündet. Brachial-Kollektive aus der Elektronik und doch noch
immer differenziert in den Klangfarben. Der vietnamesische
Trompeter Cuong Vu verbindet in seinem Projekt „Scratch“
Free Funk und Zen, hochenergetisches Powerplay mit getragenen,
lyrischen Klangflächen.
In einer Musik, die weniger von den Soli, sondern fast durchgehend vom Gruppenspiel lebt, ist das verständnisvolle Aufeinandereingehen der Musiker lebenswichtig. Der Bassist Stomu Takeishi, Schlagzeuger Ted Poor und der Gitarrist Marc Ducret als Gast sind kongeniale Partner, denen Cuong Vu blind vertrauen und mit denen er seine Klangvisionen verwirklichen kann.
Er suche
nach einem dunklen Sound, liebe es, sein Spiel mit Farben zu
versehen und benutze deshalb elektronische Effekte, sagt Vu. Er
wolle den Klang nicht verändern, sondern verstärken,
wiederholen und schichten. So fügt er dem Ton der in
Miles-Davis-Manier oder in der Umsetzung von Pat Metheneys
Gitarrenklang geblasenen Trompete immer mehr Sounds hinzu.
Takeishis Bass rundet diesen Klang ab, füllt ihn mit
stampfenden, dumpfen Grooves, währenddessen das
Schlagzeug
Poors pulsiert, um hin und wieder in einen regelmäßigen Beat
zu verfallen. Ducret schiebt seine verzerrten Gitarrenläufe
dazwischen, reißt die knallenden und kratzenden Akkordblöcke
buchstäblich aus den Saiten.
Und dann wieder als Intro einer „Komposition“ leise schwebende Sounds zu einem flirrenden Gitarrenlauf und weicher Stöckchenarbeit auf den Becken. Die Elektronik steuert feinen Glöckchenklang bei, der Bass nimmt den Rhythmus auf. Das Kollektiv steigert sich langsam zu einem Crescendo, die Dynamik fällt wieder zurück. Der überblasene Trompetenton, die Gitarrenglissandi und die Bassgrundierung treten deutlicher hervor. Das Resultat ist „heavy“ und traumhaft zugleich. Das Quartett zelebriert Stille und Tosen im rechten Zeitmaß.
Für ihn sei das Schreiben einer Komposition weniger wichtig, als die Imagination eines Sounds, sagt Vu. Dies geschehe größtenteils im Unterbewusstsein und so komme es, dass er sich während des Spiels von der Musik packen und treiben lässt – ohne jedoch die Kontrolle zu verlieren.
Manche Musik muss laut gespielt werden, um zu wirken. Cuong Vu übertreibt und kann sich glücklich schätzen, im Rüsselsheimer Konzert einen guten Soundtechniker zu haben, der in diesem Soundorgien die Klänge der Instrumente und Elektronik zu trennen weiß. Das ist urbaner Jazz, der Assoziationen an die Brutalität der Technik weckt und wohl deshalb so gut in diese alte Opel-Werkshalle passt, in der Cuong Vu mit seiner Band auf Einladung der Jazzfabrik gastiert.