
Fotos und Text: Klaus Mümpfer
Möglicherweise ist es sogar ganz geschickt, in ein Doppelkonzert
zwei so unterschiedliche Künstler wie Lisa Bassenge und Jacky
Terrasson zu stecken. Die Sängerin aus Berlin mit ihrer frisch
entdeckten, sensiblen und transparenten Chanson-Jazz-Melange
deutscher Sprache steht in hartem Kontrast zu Jacky Terrasson,
dessen Interpretationen von Standards so komplex, vielschichtig,
ausschweifend und auf den harmonischen Kern reduziert sind, dass
sie die Zuhörer mit der überbordenden Fülle fordern. Bei so viel
Trennendem, gibt es eine Gemeinsamkeit in diesem Doppelpack der
Reihe „Jazz today“ im Frankfurter Hof: Ihr jeweiliges Anliegen
ist die Auffrischung der Tradition. Mal abgesehen davon, dass im
Session-Finale der beiden Gruppen die Sängerin Bassenge
kraftvoller und ausdrucksstärker als im Set mit eigener Band zum
Zuge kam und die Zuhörer erfahren durften, wie sehr eine
treibende Rhythmusgruppe sie anzuspornen vermag.
„Girl in the mirror“ bleibt der einzige englischsprachige Titel
in Bassenges Programm. Mit ihren Cover-Versionen von
Knef-Interpretationen wie „In dieser Stadt“ oder des
Lindenberg-Songs „Leider nur ein Vakuum“ sowie mit den eigenen
Liedern ist Bassenge stilistisch schwer einzuordnen. „Es sind
einfach Lieder“ sagt sie. Sensibel trifft die Sängerin
Stimmungen und Gefühle. Die Texte sind fern jeder
Sentimentalität, auch wenn ihre Inhalte dazu verleiten könnten.
Voller Emotionen ist die geschulte Stimme, sanft in Balladen,
ein wenig rau, wenn Gitarrist Christian Kögel die Dobro blues-
und country-getönt zupft oder auf der Gitarre die Töne mit
Saitenbending verschmiert sowie mit Bottleneck-Glissandi
verzerrte Läufe reißt. Er bestimmt neben dem Gesang den Sound,
in dem oftmals die Begleitung auf dem Flügel oder den Keyboards
untergeht. Bassist Paul Kleber und Schlagzeuger Rainer Winch
legen ein solides Fundament, Christoph Adams wirkt bei ostinater
Akkordbegleitung eher uninspiriert, kann aber mit perlenden
Linien in seinen Soli zeigen, dass mehr in ihm steckt.

Wie virtuos ein Künstler die Klangmöglichkeiten eines Flügels
auszukosten und auszuweiten vermag, bewies der in Berlin
geborene Franko-Amerikaner Jacky Terrasson. Mit Ben Williams am
Bass und Jamire Williams am Schlagzeug stehen dem Pianisten bei
seinen Vexierbildern vertrauter Standards virtuos agierende
Partner zur Seite, die ihm in swingenden Originalen ebenso
folgen wie in frei pulsierenden Passagen.
Versonnen sitzt Terrasson vor dem Bechstein, schlägt mit beiden
Händen auf die Unterseite des Instruments. Schlagzeuger und
Bassist nehmen mit percussivem Klopfen den ungeraden Rhythmus
auf, bis der Pianist unverhofft aufsteht, Saiten im Innern des
Flügels anreißt und ein paar Blockakkorde in die Tasten hämmert.
Dann schält sich eine Melodie aus der obertonreichen Klangwolke
und das Trio groovt mit Duke Ellingtons „Caravan“. Terrasson
löst die Melodie mit hartem Anschlag in einem rasanten und
dennoch differenzierenden Hochgeschwindigkeitslauf auf, fügt
lustvoll stöhnend kurze Zitate zwischen rollende
Akkordschichtungen und Handballcluster. Mal greift er mit der
Rechten dichte Notentrauben und Triller, dann wieder nutzt über
Takte hinweg er nur die Linke für Akkordreihen, während der
Bassist ein langes, raffiniertes und harmonisch verzwicktes Solo
zupft. Das Trio entkernt „Caravan“ ebenso wie zuvor „Over the
rainbow“, geht in der Reduktion bis an die Grenzen der
harmonischen und melodischen Strukturen. Dann füllt das Trio das
Erreichte neu auf und kehrt humorvoll auf den Ursprung zurück.
Extrem sind die Dynamiksprünge, wenn das Trio aus einem frei
pulsierenden Powerplay heraus ein sanftes und mit Romantizismen
angereichertes Finale gleichsam verschweben lässt.
Dennoch bleibt vor allem das energetisch Spiel in Erinnerung,
das gespickt mit Überraschungen den Zuhörer immer wieder in die
Irre führt. Terrasson selbst nennt seine neue Spielweise
„Beat-Bop“und krönt sie mit einer namensgleichen Komposition.
Das Publikum feiert ihn frenetisch.
www.jackyterrasson.com
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