
Der Blues kennt keine Grenzen – weder geografische noch
die des Alters. In dieser Hinsicht trägt das Lahnsteiner
Festival bei seinem Jubiläumkonzert zum 30. Geburtstag den
Untertitel „Blues unlimited“ zu Recht. Da steht auf der Bühne
der Stadthalle neben dem Gitarristen und Sänger ToschoTodorovic
der gerade mal 17-Jährige Clemens Bombien und lässt seine
Gitarre glissandieren und jaulen wie ein gestandener Blueser.
Ein wenig gehemmt wirkt der Junior noch neben seinem Meister
Toscho, doch die technische Fingerfertigkeit lässt die künftige
Meisterschaft schon erahnen. „Blues is a feeling“ lautet der
treffende Titel einer Komposition, in der Bombien solistisch
brilliert. Die zweite Entdeckung an der Seite des altgedienten
Bluesmusikers und Lehrmeisters ist die junge Hamburger
Vokalistin Jessy Martens. „Something you´ve got“ singt sie
begleitet von Todorovic. Sie haucht, schmelzt und seufzt den
langsamen Blues „Love me like a man“. Doch das ist nur eine
Seite der Sängerin. Ansonsten röhrt und schreit die
Blues-Shouterin mit einer Energie und Kraft, die keiner dieser
zierlichen Person zugetraut hat. Hinzu kommen eine genregerechte
Modulation und enorme Ausdrucksfähigkeit der Stimme.
Todorovic selbst besticht durch ein Spiel, das bei aller Wucht
stets transparent scheint, sowie mit Gitarrenläufen, die eher
mit gefühlvollem Vibrato als durch raue Glissandi gekennzeichnet
sind. Abgerundet wird der Sound durch das Bläserduo Kretschmar
und Nolopp an Saxophon und Trompete.

Während die Musik der Blues Company auch durch das
Zusammentreffen von Generationen profitiert, ziehen die
Lahnstein Blues All Stars ihre Kraft aus der Reife und Erfahrung
eines erfüllten Künstelerlebens. Ältere Herren, die
stellvertretend für die Musik stehen, deren Geschichte sie
entscheidend mitgeprägt haben, präsentieren ihre Kompositionen
mit einer Frische und Vitalität, die jegliche Sterilität
verhindert. Das Publikum spürt, dass da Musiker nicht allein
wegen des Jobs spielen, sondern vor allem weil sie nicht vom
Blues und der Bühne lassen, ihr Leben untrennbar mit der Musik
verkettet ist. können. Darin gleichen sie den German Jazz
Masters. In Lahnstein bläst Albie Donnelly sein Tenorsaxophon
mal mit der beseelten Wärme des Memphis Soul, steigt in den
meisten Stücken jedoch mit Vorliebe in die High-Notes, überbläst
die Spitzen ekstatisch und pointiert damit die mitreißenden
Läufe des Gitarristen Miller Anderson. Altermeister Colin
Hodgkinson zeigt seine Virtuosität mit einer frappanten Abart
von Slaptechnik auf dem E-Bass und Zoot Money akzentuiert den
Sound mit wuchtigen Akkordfolgen auf den Keyboards. Schlagzeuger
Pete York hält mit seinem meist durchlaufenden und pulsenden
Beat unter der vielschichtigen Rhythmik die All Stars zusammen,
in deren Reihen die Sängerin Maggie Bell mit tragender Stimme
beweist, dass sie an Reife zugenommen, an Power aber nichts
verloren hat.
Für eine erfrischende Erweiterung des Bluesspektrums sorgt in
Lahnstein die vielköpfige Band „Brixtonboogie“ durch die
Einbeziehung von Rap-Gesang und gescratchen
Turntable-Einspielungen von DJ Suro, die sich nahtlos und
verstärkend in den stampfenden Blues einfügen. Dazu kommen der
satte Sound der Horn-Section „The Boxhorns“, die treibende
Bluesharp von Bandleader Krisz Kreuzer sowie die
bluesgesättigten Läufe von Micky van Wollen auf Gitarre und
Dobro. An der Front der Band finden sich shoutend im Gospel und
im Rap die Vokalisten Mascha Litterscheid, A-Jay Rap und Wayne
Martin mehrstimmig und solistisch zusammen. Brixtonboogie ist
mit ihrem rockenden Urban Blues auf der Höhe der Zeit.
Bliebe noch Matt Schofield, der 33-jährige Gitarrist aus
Britannien. Er ist trotz seiner relativen Jugend ein Magier auf
den Saiten. Zupackende Riffs in brillanten Läufen sowie
gleißende Glissandi in einer Verbindung des Blues mit Funk und
Jazz sind eingebettet in ein Trio mit Hammondorgel, Bass und
Schlagzeug, das leider nicht ganz mithalten kann.
Tradition ist beim Lahnsteiner Blues-Festival inzwischen die
Verleihung des „Blues Louis“. In diesem Jahr überreicht Tom
Schröder von der Projektgruppe die Büste dem Gitarristen,
Bandleader, Autor und Pädagogen Toscho Todorovic. Mit der
Auszeichnung werden Künstler geehrt, die sich um den Blues
verdient gemacht haben. Schröder lobt in der Laudatio Todorovics
„Freigiebigkeit, Verlässlichkeit sowie das Fehlen jeglicher
Allüren“. Toschos Blues Company habe stets das Standbein Blues,
das Spielbein in Jump & Jive, Rag & Rock´n Roll, Bass & Drums
sowie im Bigband Swing“. Einen kleinen Ehren-Louis erhält der
Kabarettist Thomas C. Breuer, der seit Jahren das Blues-Festival
moderiert.