
Zu Zeiten, in denen Marc Ribot in der New Yorker
Jazzszene Fuß fassen wollte, da mochte er unbedingt swingen,
doch er wusste nach eigenem Bekenntnis nicht, wie er dies
anstellen sollte. Seitdem sind Jahrzehnte vergangen, in denen
der Künstler vieles aufgesogen und neu geformt hat: Blues, Kuba,
Trip-Hop, Punk, psychedelic Rock und Free-Jazz. Die
Gleichzeitigkeit aus kreativer Virtuosität und scheinbarem
Dilettantismus wurde zu einem Markenzeichen für sein
Gitarrenspiel. Obwohl er Linkshänder ist, spielt Ribot ein
Rechtshänderinstrument, gleicht dieses mögliche Handicap mit
seiner eigenwilligen Spielweise aus. „Wenn man mich erkennt,
mache ich etwas falsch“, hat der Gitarrist einmal in einem
Interview erklärt. Doch gerade diese Saitentechnik ist es, die
ihn unverwechselbar macht.
Skurrile Ironie prägt auch Ribots Bearbeitungen von Stilen und Genres, von
Klassikern sowie seiner eigenen Kompositionen. Einem
Interviewpartner, der ihn um Rat für seine Gitarrenübungen
fragte, gab der Künstler zur Antwort: „Wenn Du das Plektrum im
Mund hast, solltest Du es lieber in die Hand nehmen.“ Derzeit
ist der Gitarrist mit seinen Quartett „Sun Ship“ unterwegs und
begeisterte bei einem der beiden Deutschland-Konzerte in der
Rüsselsheimer Jazzfabrik, wo sich die Zuhörer zwei Zugaben
erklatschten.
„Sun Ship“ ist John Coltranes gleichnamiger Einspielung vom
August 1965 gewidmet die allerdings erst nach dessen Tod
veröffentlicht wurde. Aus „Sun Ship“ stammen auch die meisten
der Stücke dieses denkwürdigen Konzertes: „Ascent“, „Dearly
Beloved“, „Amen“ sowie der Titelsong. Manchmal weist die
hymnische Basis auf das Original hin, die Ribot trotz der völlig
anderen Instrumentalisierung ohne Saxophon, aber mit einer
zweiten Gitarrenstimme neben Bass und Schlagzeug zu zaubern
vermag. Charakteristisch für die Interpretationen der Coltrane-
wie der eigenen Kompositionen sind gewollte Brüche,
Gegensätzlichkeiten von Melodie und freier Improvisation sowie
von sanftem Wohlklang und schreienden Eruptionen. Viele Stücke
an diesem Abend werden mit zarten Single-Notes oder sanften
Akkordfolgen eingeleitet um im Mittelteil in ein kollektives
Crescendo zu münden, bevor das Quartett gegen Ende wieder zum
Thema zurückkommt. Manchem swingt das Quartett klassische, dann
wiederum gerät das verfremedte Thema chaotisch aus den Fugen.

Mit Mary Halvorson hat Ribot eine so sensible und virtuose
Partnerin gefunden, dass ihm der Rollenwechsel in Stimmführung
und Begleitung leicht fällt. Nahezu nahtlos geschehen diese
Wechsel, bei denen der eine das Thema mit akzentuierten
Notenlinien vorgibt, während der andere dazu glissandierende
Akkordläufe aus den Saiten reißt oder wie die Gitarristin mit
den Fingernägeln die Metallsaiten entlang fährt und zum
Vibrieren bringt. Hin und arbeitet Ribot energisch die Melodie
mit hartem Plektrum Note für Note ab und scheint in das
Instrument kriechen zu wollen, ein anderes Mal zupft erzarte und
helle Tontrauben unterhalb des Steges. Manche Themen werden mit
kindhafter Schlichtheit vorbereitet, um dann mit steigender
Intensität und Kraft zu einem pulsierenden, sich ständig
verdichtenden Kollektiv zu führen. Repetitionen nutzen die
Gitarristen und der Bassist, um weite Spannungsbögen zu
schlagen. „Energie“ eines der Schlüsselwörter für Ribot´s Spiel.

In diesem polyrhythmischen Groove legt Drummer Chad Taylor
selbst im freien „pulse“ mit fehlerlosem Time-Spiel die Basis.
Bassist Jason Ajemian lässt sein mächtiges Instrument in den
langsamen wie den Up-Tempo-Passagen straight marschieren, zeigt
in den Soli sowie in gestrichenen Einleitungen überraschende
Harmonievariationen und Verzierungen entlang des Themas. Dann
knarzt und schreit der Bass unter dem Bogen.
Mit kurzen Handbewegungen signalisiert Ribot den Partnern, dass
die eine Phrase wiederholen oder ausklingen lassen sollen, gibt
ihnen Zeichen für Einsätze und Überleitungen. Doch der Zuhörer
hat den Eindruck, dass dies eigentlich nicht nötig wäre.