
Fotos und Text: Klaus Mümpfer In „Homeland´s sky“ zitiert Chisholm nach wenigen Minuten
schwebender Mehrstimmigkeit der Blasinstrumente im Sprechgesang
einen Text, der auf ein Poem des Schweizer Schriftstellers
Robert Walser Bezug nimmt. In „Erectile Dysfunction“ besticht
nach einer kurzen Unisono-Passage von Posaune und Saxophon
Bassist Matt Penman in einem ausgedehnten Bass-Solo mit
zahlreichen überraschenden harmonischen Wendungen und
Verzierungen des Themas. Suitenartig aufgebaut mit einem
schnelleren Satz zwischen zwei getragenen Passagen ist das
George Russel gewidmete „One for Russel“, tänzerische beschwingt
„How play blues“. In manchen Stücken greifen Wogram oder
Chisholm zur Melodica, um dem Sound der Gruppe, die ohne Piano
auskommt, eine zusätzliche Klangfarbe zu spendieren. Der Titel
„Hot summer blues“ mag ein wenig irreführend sein, denn bestimmt
wird er durch den Obertongesang Chisholms, der sich an
tibetanische und mongolische Gesänge anlehnt.
Nils Wogram & Root 70 im „Jazzcafé“ Rüsselsheim,
21. November 2010
Der Blues ist die Basis. Vielleicht deshalb hat der Posaunist
Nils Wogram ihn auch zur Grundlage seines neuen Programms
gemacht. Es ist allerdings ein Blues, wie ihn spiritus rector
von „Root 70“ und seine Musiker verstehen, der etwa im „Hot
summer blues“ sich mit Hymnik und Folklore verbindet, in der
Stimmung immer bluesgetränkt bleibt und angesichts der kreativen
Interpretationen manchmal nur unterschwellig wirkt.

Das Publikum im Kulturzentrum „das Rind“, wo sich Wogram mit
Root 70 zum Abschluss einer Tournee anlässlich des zehnjährigen
Bestehens im Rahmen der Jazzcafé-Reihe präsentiert, lässt sich
von den traumhaft sicheren Interaktionen, der vier Musiker
ebenso faszinieren wie von dem nur vordergründig „gefälligen“
Gruppenklang, der aus raffinierter Harmonik, vertrackter
Rhythmik und solistischer Virtuosität der Akteure mit Wogram an
der Posaune, dem neuseeländischen Saxofonisten und Obertonsänger
Hayden Chisholm, dessen Landsmann Matt Penman am Bass und dem
deutschen Schlagzeuger Jochen Rückert entwächst.
Das Quartett verzichtet bei seinem Bluesprogramm zwar weitgehend
auf die bekannte Mikrotontechnik, bei der statt der zwölf
chromatischen insgesamt 24 Töne benutzt werden, doch in den
anhaltend erklatschten Zugaben kommen die Musiker auch hierin
Wunsch des Publikums nach. An diesem Abend scheinen viele
Posaunen-Soli eher in der Bebop-Tradition zu stehen, wobei
Wogram selbst in schnellen Stakkato-Läufen nuanciert und weich
bläst. Melodisch und warm bleiben auch die manchmal mit Vibrato
geblasenen Saxofonläufe.
Begonnen hat das Konzert mit dem Opener der neuen CD „Listen to
your woman“, dem „Rusty bagpipe boogie“. Der Titel soll, wie
Komponist Chisholm erläutert, einer schottischen
Kamasutra-Stellung entlehnt sein. Bemerkenswerter als diese
Anekdote ist indessen das einleitende mehrstimmige Posaunensolo
Wograms, das in ein zweistimmiges Duo mit dem Altsaxofonisten
Chisholm mündet, das wiederum von Breaks des Schlagzeugers
unterteilt wird. Wie Wogram, der sein Posaunenspiel mit der
Stimme erweitert, ergänzt Chisholm seine meist cantablen Linien
auf dem Alto mit Obertönen. In oftmals sanften und balladesken
Zwiegesprächen treffen sich die beiden Musiker unisono oder im
reizvollen Ruf-Antwort-Spiel.
Mit seiner Verschmelzung von Jazz, Avantgarde, Blues und Exotik
sowie virtuoser Techniken wird Wogram einmal mehr der
Einschätzung der Jury gerecht, die ihm 1999 den renommierten
Jazzpreis von SWR und Rheinland-Pfalz verlieh.