
Der 1977 in Bonn geborene Trompeter Nils Wülker hat die wilden
70er des Jazzrock nicht erlebt, doch ältere Zuhörer im
Frankfurter Hof drängten sich Erinnerungen an Weather Report,
den elektrifizierten Miles Davis oder Lifetime auf, an jene
Zeiten, als die Jazzharmonien mit extrovertierten Rockrhythmen
zum Kochen gebracht wurden. Dennoch steht der 32-jährige,
klassisch ausgebildete Trompeter, der über Acid, Herbie Hancock
und Miles Davis zum Jazz bekehrt wurde, in dieser Tradition und
hat sie mit unbändiger Spielfreude und technisch hervorragenden
Musikern mit neuem Leben erfüllt. Knallige Riffs und groovende
Rhythmen reißen das Publikum beim Konzert zur Vorstellung seiner
neuen CD „6“ mit. Dass er dabei auch mal als Sänger zum
Mikrophon greift, begründet Nils Wülker damit, dass er „in
Experimentierlaune gewesen“ sei.
Besser ist er auf jeden Fall an der Trompete und dem Flügelhorn.
Der gleißende und stählerne Ton sowie die Kraft, mit der er
gewaltige Dynamiksprünge wie im hypnotisierenden „Perspektive“
bewältigt, andererseits die Wärme, die er in den selteneren
balladesken Passagen auf dem Flügelhorn ausstrahlt, belegen,
dass er den Ruf als einer der herausragenden Jazz-Trompeter der
jüngeren Generation zu Recht genießt. Was seine Kompositionen
und das Spiel der Wülker Group bei aller Traditionalität
eigenständig wirken lässt, ist der süffige Sound, den er
gemeinsam mit dem Altsaxophonisten Jan von Klewitz über den mal
wabernden, mal flirrenden Klangteppich legt, den der Pianist
Lars Duppler mit Fender Rhodes und Moog-Synthi webt und der von
dem Gitarristen Arne Jansen abgerundet wird. In Erinnerung
bleibt ein Solo auf dem – leider völlig übersteuerten Flügel - ,
bei dem Duppler Akkordblöcke auftürmte und Jansen diese mit
gleißenden Glissandi auf der Gitarre einebnete.

Nils Wülker und Jan von Klewitz, Foto: Mümpfer
Gewiss, die Kompositionen sind vor allem auf die technisch
bestechenden und musikalisch phantasievollen Soli in der
Melodiestimme des Bandleaders ausgerichtet, der Gruppensound
jedoch wird über weite Teile auch von den Duos des Trompeters
mit dem Saxophonisten geprägt. Von Klewitz seinerseits zeigt
sich durchaus ebenbürtig in seinen Soli, die selbst in den
expressivsten Stakkato-Läufen kantabel bleiben.
Die Vorliebe für den ständigen Wechsel zwischen melodielastigen
Unisono- und zweistimmigen Bläserriffs ist eines der Merkmale
der Wülker-Arrangements. Einmal entwickelt sich zwar aus einem
Ruf-Antwortspiel der beiden Bläser ein regelrechtes Duell, meist
jedoch blasen sie in parallelen Linien. Getrieben wird das Spiel
von den stupenden Schlägen des Drummers Jens Dohle und den
stützenden Griffen von Edward MacLean auf dem fünfsaitigen Bass.
Länger als zwei Stunden groovt, funkt und rockt die Band in
einer vibrierenden Mischung aus Kraft und Leichtigkeit – wie die
CD-PR zu Recht formuliert. Mit der langsamen Ballade „Glow“ als
zweite Zugabe verabschieden sich Nils Wülker und seine
Groove-Group schließlich von den begeisterten Zuhörern.