
Und immer wieder diese finale Harmonie: Tomasz Stanko bläst sie auf
der Trompete. Anhaltend und weit schwingend. Warm und mit leichtem
Vibrato verschwebt sie beim Konzert des Jazzfabrik im Dunkel des
Rüsselsheimer Theaters. Ansonsten ist in Stankos Musik nichts fest.
Sie muss gesucht und gefunden werden. Up-Tempo-Teile, in denen die
vier jungen Skandinavier des Nordic-Qintetts dem Bebop auf einer
bereits vielfach gehörten Weise ihre Referenz erweisen, sind selten.
In der Regel fügen sie sich einfühlsam und gut geleitet in das
Konzept des 66-jährigen polnischen Altmeisters ein.
Stanko liebt offensichtlich Kontraste. Charakteristisch für sein
Spiel sind die reife, lyrische Eleganz, die weiche Tonbildung mit
einem Schuss Tristesse, die er aus der polnischen Folklore zieht.
Sein Spiel kann aber auch bei freieren Passagen in stählerne
Stakkati mit überblasenen High-Notes davoneilen. Doch stets bewahrt
der Virtuose subtile Dynamik in seinen ökonomisch ausgerichteten
Improvisationen. Es lässt freien Raum für die Einwürfe seiner
Mitmusiker sowie die Assoziationen der intensiv lauschenden Zuhörer.
An diesem Abend interpretiert das Quintett mit Ausnahme der
Krysztof-Komeda-Komposition „Dirge for Europe“ ausschließlich Stücke
des Trompeters – unter anderem „Nice One“, „The Dark Eyes of Martha
Hirsch“ und nach den jüngsten Konzerten in Sao Paulo sowie Rio des
Janeiro „Samba Nova“. Schon im Opener „The Dark Eyes“ wird die
Stanko´sche Liebe zum kontrastierenden Spiel in der Reibung seines
warmen Trompetensolos mit weit schwingenden Linien zu der nordischen
Kühle eines zunächst filigranen Gitarrenlaufes, dann aber auch
verzerrt flächigen Sounds auf den Saiteninstrumenten hörbar. Das
Stück gewinnt an Drive, Stanko produziert mit ostinaten
Melodiefragmenten pastellartige Klangfarben, findet sich unisono mit
dem Gitarristen zusammen und dann das Ende mit diesem lang
gehaltenen, sanft verwehenden Ton auf der Trompete.
Wie hier stechen beim Rüsselsheimer Konzert vor allem die Duos mit
dem Gitarristen Jacob Bro hervor, unisono ebenso wie in der
Mehrstimmigkeit. Nicolas Thys erhält die Gelegenheit zu einem
ausgiebigen, harmonisch finessenreichen Bass-Solo, während er später
sein Instrument gitarrengleich in schnellen melodischen Läufen
zupft. Alexi Tuomarila wechselt zwischen perlenden Läufen und
sparsamen Akkordeinwürfen, Schlagzeuger Olavi Louhivuori besticht
mit starken dynamischen Abstufungen bei Balladen wie bei schnellen
Stücken.
Dass sich ältere Musiker mit jungen Mitspielern einlassen, ist keine
Seltenheit. Der Pianist Marcin Wasilewski, Bassist Kurkiewicz und
Schlagzeuger Michal Miskiewicz waren 18 und 16 Jahre alt, als sie
1994 erstmals mit dem fast vierzig Jahre älteren Stanko spielten.
In seinem „Nordic Quintet“ ist der Altersunterschied kaum geringer.
Es mag das inspirierende Aufeinandertreffen von Altersreife und
jugendlicher Unbekümmertheit sein, die das Spiel befruchtet. Kein
Wunder, dass der Schlagzeuger und Landsmann Janusz Stefanski sowie
der Bassisten Vitold Rek in der Garderobe ihren alten Freund Stanko
zu dessen „wundervollem Konzert“ beglückwünschten.