Der
modernisierte Hardbop atmet den Geist des legendären Vaters.
Ravi Coltrane, der gerade zwei Jahre alt war, als John Coltrane
starb, lässt sich aber glücklicherweise nicht zum Plagiat verführen,
sondern verarbeitet das Erbe zu einem eigenständigen,
Personalstil. Der 1965 Geborene bevorzugt gemäßigte Tempi.
Seine Soli schwingen in langen sonoren und hymnischen Böge, in
schnellen Läufen perlen die ornamentalen Verzierungen fast
nebenbei aus dem Instrument. Virtuos münden diese Alleingänge
hin und wieder sogar in sakrale Sounds und kinderliedhaft
schlichte Melodiosität. Dann aber bricht die Jugend durch und
Ravi Coltrane wechselt zu freien und pulsierenden Passagen, mit
rasanten Stakkati, bei denen er in dem Schlagzeuger E.J.
Strickland und dem Bassisten Drew Cress treibende, kongeniale
Begleiter findet. Pianist Luis Perdomo ist eher lyrisch
orientiert, verfällt aber immer wieder auch in rasende Bebop-Läufe
mit angedeuteten Clustern.
So bleibt eher unmaßgeblich, dass der Sohn eine Seelenverwandtschaft stärker mit dem lyrischen Spiel seines Vaters entdeckt hat als mit dessen ekstatischem Powerplay.
Traditionsbewusstsein
prägt bei diesem Konzert der Rüsselsheimer Jazzfabrik in der
alten Opel-Werkshalle den Eindruck, den die Zuhörer mit nach
Hause nehmen. Der noch junge Musiker offenbart sich als gemäßigter
Modernist, der andächtig zuhört, wenn Luis Perdomo am Piano in
langen romantisch-lyrischen Läufen schwelgt, die weichen
Balladen-Bögen auf dem Tenorsaxophon mit Single-Note-Tupfern
verziert. Drew Cress zupft in seinen Soli auf dem Kontrabass
weit geschwungene, harmonisch reizvolle Linien, in die er gar
kurze Pizzikato-Folgen integriert. E.J. Strickland kann zurückhaltend
mit dem Besen begleiten, darf sich aber in zwei ausgedehnten
Soli mit mächtigem Powerplay austoben, bei dem er über einem
durchlaufenden Beat die komplizierten Rhyhthmusfiguren drapiert.
Am besten aber besticht sein Spiel in den freien, pulsierenden
Passagen, in denen er den Saxophonisten im fast ekstatischen
Spiel vor sich hertreibt und den Lyriker am Flügel zu rasanten
Läufen zwingt. Da ist typisch für die Musikauffassung Ravi
Coltranes zum Ende des ersten Sets eine Komposition, in die
Perdomo mit einem langen romantisch verklärten und hymnischen
Solo einführt, in dem das Tenorsaxophon das Thema mit sakralem
Ton aufnimmt, Bass und Schlagzeuger filigran begleiten – bis
das Quartett Intensität und Dynamik zum Crescendo steigern, das
Stück mertisch ausfasert und harmonisch zerlegt wird, um schließlich
wieder auf seine melodischen und rhythmischen Strukturen zurückgeführt
zu werden.
In den Kompositionen des Abends ist die ganze Familie Coltrane vertreten. Vom Vater John stammt neben anderen der Opener „26-2“, von der Mutter Alice „Narcine“, von Ravi selbst unter anderem „Between the lines“. In allen Stücken aber zeigt sich der Saxophonist inzwischen als ein gereifter und eigenständiger Musiker mit viel Humor und Spielfreude, der sich bewusst und erfolgreich aus den Fesseln seines übergroßen Vaters gelöst hat, ohne ihn zu verleugnen.