Gut
zwei Stunden lang spielt sich Larry Coryell den Jetlag des Fluges in
der Rüsselsheimer Jazzfabrik aus dem Körper: funky und groovy sowie
boppend und rockend die meisten Kompositionen, zwischendurch aber
auch mal mit spanischem Flair und einem Schuss Flamenco solo auf der
akustischen Konzertgitarre frei improvisierend. Bestimmend sind die
treibenden und in der Dynamik weit gespannten Kompositionen, die aus
immer wiederkehrenden Duetten und Duellen mit dem jungen
Schlagzeuger Ernie Adams sowie aus dem melodisch abgestuften und
solide straight stützenden Spiel des noch jüngeren Jonathan Wood auf
dem sechssaitigen Bass Kraft schöpfen.Mit einem Blues „Immer geradeaus“ steigt Coryell in den langen Abend
ein, zeigt, dass der frühere Fusion-Elektriker nicht nur zum Jazz,
sondern auch dessen Wurzeln zurückgefunden hat. „Tricyles“ ist
bereits ein Beleg für die bestechende Spielauffassung des
Gitarristen: ein beständiger Wechsel zwischen ostinaten, hart
angerissenen Akkordclustern und melodischen Linien, klare Strukturen
und Transparenz selbst in den Hochgeschwindigkeitsläufen sowie weite
Spannungsbögen, die er durch vielfache Variationen kurzer auf- oder
absteigender Single-Note-Passagen baut.
Die Gitarre entspannt auf den Oberschenkel aufgelegt, greift
Coryell seine Akkorde, wirft den Kopf zurück und lächelt breit, wenn
er eine überraschende harmonische Wendung genießt, steht aber wie
ein Torero mit leicht gespreizten Beinen und vorgeschobenem
Instrument dem Schlagzeuger gegenüber, wenn er dessen Solo mit
eingeworfenen Akkord-Blöcken akzentuiert. Dann wiederum lehnt sich
Coryell zurück und überlässt dem Bassisten ein gitarrengleiches,
swingendes und melodisches Solo, in das nur mit leisen
Einzel-Noten-Kürzeln eingreift.
Das Trio sei erst kurz zusammen, sagt der Bandleader. Er hoffe,
dass möglichst wenig Missverständnisse, dafür umso bessere
Kommunikation das Spiel beeinflussten. Die Zuhörer bestätigen ihm
mit frenetischem Beifall, dass das Zusammenspiel keinen Anlass zur
Kritik gibt. Das verdankt Coyell nicht zuletzt dem sensiblen
Eingehen der Mitspieler Adams und Woods auf sein schier
unerschöpfliches Ideenpotenzial. „Es gibt keine festgelegte
Reihenfolge der Stücke“, versichert Coryell glaubhaft. So sitzt er
da, reißt
das
Thema mit einigen Noten kurz an, Adams und Wood lauschen aufmerksam,
fallen ein und führen die Komposition im Trio fort. Ob nun die
elektrischen, treibenden Stücke wie „Dragon Gate“ und „Oléo“ oder
das akustische „Black Orfeus“, die Kollektive sind dicht und
komplex, aber zugleich auch klar strukturiert.
Weil Coryell an diesem Abend auch die Wirkung seiner neuen, in
Europa noch nicht vertriebenen CD „Live at the Sky church“ testen
will, holt er für „Gimme One Reason“ die Sängerin Tracey Diergross
auf die Bühne und wagt mit ihr ein Duett. Eine gewiss reizvolle
Abrundung des breit gefächerten Angebotes, aber rein instrumental
ist er mir doch lieber. Spielfreudig, technisch ausgefeilt, wenn
auch ohne Überraschungseffekte.