Wolfgang
Dauner kann es sich erlauben, die Einleitung zu seinen
Improvisationen über Gershwins „The Man I Love“ nahezu
notengetreu zu gestalten. Da fällt der Vergleich zu seinen
harmonischen Abschweifungen und rhythmischen Variationen
leichter. Es schadet Dauner auch nicht, dass er zu Beginn seines
Solo-Konzertes im Frankfurter Hof eine seiner frühen
Kompositionen, die „Drachenburg für R.“ neu auflegt, denn
gerade dies ist charakteristisch für den Stuttgarter
Jazzmusiker, dass er sich treu geblieben ist, seinen Stil nicht
modischen Strömungen anpasst und dennoch über Jahrzehnte
hinweg immer wieder neue Einsichten in seine Kompositionen gewährt.
Freier, aber doch immer dem Original verpflichtet, improvisiert der inzwischen 68-jährige, musikalisch jung gebliebene Pianist über Gershwins Themen aus „Porgy and Bess“ sowie über drei Präluden des amerikanischen Komponisten. Die „Preludes for piano“ spielt Dauner mit dem etwas zurückgenommenem Drive und jenem leicht hölzern wirkendem Swing, der dem Komponisten zu Eigen ist. So wird er, der in seinen eigenen Kompositionen in ausschweifenden Verzierungen schwelgt, zum Ästheten der Sparsamkeit. Der Pianist leistet sich ein paar hingeworfene Blockakkorde, einige Single-Note-Variationen, dann wieder einen perlenden Lauf und wuchtige Bassfiguren.
Der „Wendekreis des Steinbocks“, „Don´t change“ und „Über den Dächern von Stuttgart“ sind wohl bekannte ältere Kompositionen des Stuttgarters, die er gleichwohl frisch und vital aus den Tasten perlen lässt. Hypnotische Kraft entwickeln die minimalistischen Variationen, eine ostinat durchgehaltene Melodie der linken Hand, während die Rechte übergreift und Akzente mit Bass-Akkorden setzt. Kräftige Rhythmen, ostinate Bässe, tremolierende Passagen, sprühende Dynamik, ein paar rollende Boogie-Läufe und sperrige Monk-Zitate sowie immer wieder die kontrastierende Gegenüberstellung von freien Eruptionen und verklärter Romantik, kennzeichnen das Spiel mit dem polystilistischen Ansatz. Dauner verweigert sich nach wie vor allem Purismus und so hat er seinen unverwechselbaren Personal-Stil gefunden. Sicher: Vorhersehbar ist manches, harmonischer Populismus nicht ausgeschlossen.
„Eine
Trennung zwischen E-Musik und Jazz gibt es für mich nicht“,
sagt Dauner. So verwundert es nicht, dass er sich einer
Klaviersonate von Haydn widmet, einem Künstler, der ihm –
abgesehen davon, dass er ihn schon als Schüler spielen musste
– auch kompositorisch gelegen ist: In dem relativ einfachen
harmonischen Ablauf und metrisch abgestuften Taktprinzip, in dem
differenzierten Gefüge, das dann thematisch zergliedert
wird, entfernt sich Dauner von Haydn und kommt wieder zu ihm zurück.
Den Zuhörern bereitet diese Verwandlung zu einem
swingenden Klassiker, am Beifall gemessen, einen Haydn-Spaß.
Und so schließt Dauner schließlich in der für ihn typischen
Interpretation das Konzert einschließlich einiger Zugaben mit
„My funny Valentine“.