Richard
Galliano ist Traditionalist im dialektischen Sinn der dreifachen
Aufhebung, des Negierens, der Bewahrung und der Verlagerung auf
eine neue, höhere Ebene. Der Akkordeon- und Bandoneon-Spieler,
der wie viele seiner französischen Landsleute stark in der
Folklore seiner Heimat verwurzelt ist, hat den „New Musette“
entwickelt, indem er die Musette-Tradition überwand und
deren Essenz mit den Elementen des Jazz verknüpfte. Später hat
Galliano diese Mixtur mit dem „Tango Nuevo“ seines Freundes
und Förderers Astor Piazzolla verschmolzen. Das ist ihm
gelungen, ohne dass die jeweiligen Bestandteile ihren Charakter
aufgeben mussten.
„Wenn ich heute einen Musettewalzer spiele, dann denke ich an den Schlagzeuger Elvin Jones oder an die Kraft von John Coltrane“, sagt Galliano.
Süße
Melancholie und expressive Leidenschaft, schmelzender
Geigenklang und hüpfende Ostinati von Melodiekürzeln,
schmeichelnde Melodien und verfremdete Harmonien, Wohl- und
Missklang zugleich – der Tango wechselt seine Stimmungen wie
die Tage und Jahre ihre Abläufe. Da ist nicht mehr viel zu
verspüren vom Salon-Tango und von Walzerseligkeit. Galliano hat
beim Konzert für die Rüsselsheimer Jazzfabrik im Theater die
Formen aufgebrochen und neu zusammengefügt. Da stand der
Franzose mit dem mächtigen
Knopfakkordeon
– dessen Abdeckung er über den Klappen des direkten Tones
wegen abgenommen hatte – sowie dem Bandoneon gemeinsam mit fünf
Streichern – drei Violinen, einem Cello und einem Kontrabass -
sowie einem Pianisten auf der Bühne und widmete sich ganz
seinem Mentor Piazzolla. Er erlaubte sich harmonische Freiheiten
auf dem Akkordeon im Duo mit den klagenden Geigestrichen seines
ersten Geigers Alexis Cardenas. Er zauberte lang gezogene
Akkordlinien aus dem Balg des Bandoneons, während die Streicher
Jean Marc Apap und Sebastien Surel ihren Instrumenten kurze
Kratzgeräusche entlockten oder schnelle Pizzicati zupften. Jean
René da Conseicaõ lässt den Bass in jazzig im Hintergrund
marschieren. Herve Sellin hat eine Vorliebe für romantisch
verspielte Melodielinien auf dem Piano, die er in einem Duo-Stück
„Milonga sien palabras“ mit dem Cellisten Eric Picard voll
auskostet.
In ein ausgedehntes Akkordeon-Solo Gallianos, freien Improvisationen über seine Kompositionen „Valse Margaux“ und „Libertango“ fließt dann, wie die Titel nahe legen, die gesamte Fülle der französischen und argentinischen Traditionen ein. Da erklingen die wuchtigen Bassakkorde, die filigranen Pirouetten, die schnellen Tänze und die sehnsüchtige Melancholie bis Galliano pfeifend ein Zwiegespräch mit den High-Notes-Kürzeln auf dem Knopfinstrument beginnt. Weit zieht er in der Zugabe den Balg des Bandoneons auseinander, lässt das Instrument in Nuancen atmen. Es entsteht ein fein gewobenes Geflecht der Klangwelten Europas mit jenen Nord- und Südamerikas. Nach dem Konzert können die Zuhörer nachvollziehen, wenn Galliano sagt, dass er die Grenzen des Akkordeons ausgeweitet hat, dass er ständig „weitere Dinge entdeckt, von denen ich vor einigen Jahren niemals geglaubt hätte, dass man so etwa spielen kann“.