
Der Titel „Schneller als je“ hält, was er verspricht.
Rasende Klangkaskaden entströmen der Posaune und der
Bassklarinette. „Auf der Schnerr“ (Kirmes) basiert -wie die
Komposition erahnen lässt – hintergründig auf Motiven der
Jahrmarktsmusik. Doch der Posaunist Christof Thewes ist ein
Meister der Collage und so verfremdet und versetzt er
Traditionen und lässt sie lediglich in kurzen Zitaten
aufblitzen. Beim Konzert seines „Quartetto Pazzo“ im Mainzer
Atelier Schauder stehen ihm dabei der Berliner Bassklarinettist
Rudi Mahall („Der Rote Bereich“), der Kölner Schlagzeuger Dirk
Peter Kölsch („Underkarl“) und der New Yorker Cellist Tomas
Ulrich als kongeniale und ebenso virtuose Partner zur Seite.
Die Musik des Quartetts verschmilzt Freejazz und Punkrock, Neue
Musik und Jazztradition mit erfrischender Unbekümmertheit und
vor allem immer mit tiefgründigem Humor, der sowohl dem
Saarländer Thewes als auch dem Berliner Mahall zueigen ist. Kein
Wunder, dass Stücke Titel tragen wie „Eine problematische, weil
eingebildete Taube auf dem Dach“. In rasendem Schnattern und
Schnaufen umspielen sich in „4 Migge“ Posaune und die
Bassklarinette, umranken einander „melodisch“, während das Cello
unter dem Borgen ächzt und kreischt wie schon zuvor in „Auf der
Schnerr“. Sirenen assoziiert ein Zwiegespräch von Ulrich und
Mahall, dem eine kurze Unisono-Passage von Posaune und
Bassklarinette folgt, während auf dem Fell von Kölschs Trommel
ein Kinderkreisel rotiert. Mahall lässt sein Instrument im Solo
gurgeln und zur Percussion keuchen. Thewes fasziniert mit einem
mehrstimmigen Solo mit Obertönen, bevor das Quartett auf das
Thema zurückkommt.
In dem mitreißenden Konzert stehen getragene Passagen wie in
„Schmach Schach“, ein geradezu der Klassik entlehntes Solo auf
dem Cello, der Bebop-Tradition verpflichtete Läufe auf der
Posaune und der Bassklarinette neben orgiastischen und
hochenergetischen Free-Explosionen in Duos und Kollektiven.
Hymnische Klänge mit trügerischem Wohlklang werden zerfasert und
harmonisch aufgelöst. In einem Satz einer
musikalisch-parodistischen Bearbeitung des SiFi-Thrillers
„Snake“ zupft Ulrich das Cello harmonisch mit zahlreichen
überraschenden Wendungen, um es später in bester Tradition wie
einen Kontrabass „marschieren“ zu lassen. Kölsch wiederum
ergänzt seine Percussion mal mit einer Maultrommel, dann wieder
mit einer Mini-Trompete. Er spielte bereits in der Formation „Underkarl“
des Bassisten Sebastian Gramss, die mit „20 Century Jazz Cover“
1996 in der ekstatischen Soundcollage eine Voreiterrolle
übernommen hatte. Mit seiner undogmatischen Symbiose von
notiertem Spiel und freien Improvisation, mit den
hochenergetischen Soundorgien in einem dennoch strukturierten
Chaos ist das Quartetto Pazzo derzeit auf einem Gipfelpunkt.
Davon zeugt auch die CD „Melancholera“, von der die meister
Stücke des Abends stammen.