
Bereits drei Monate nach seinem Gastspiel mit der aus Albanien stammenden Sängerin Elina Duni konzertierte Colin Vallon erneut in der Haller Hospitalkirche. Jetzt präsentierte der Schweizer Pianist sein eigenes Trio.
Schwäbisch Hall. Im Rahmen einer weltweiten
Tournee, die ihn auch in die USA führt, stellt Colin Vallon
seine jüngst in München bei ECM erschienene CD „Rruga“
(albanisch, auf Deutsch: Weg, Pfad oder Straße) vor. Und da
musste eben der erklärte ECM-Fan Dietmar Winter mal wieder ganz
schnell zuschlagen. Der Vorsitzende des jungen Haller Jazzclubs
hatte nach alter Tradition das städtische Kulturbüro als
bewährten Kooperationspartner zur Verfügung. Mitte Februar war
noch Kontrabassist Patrice Moret mit von der Partie, als „neuen“
Schlagzeuger konnte man nun Samuel Rohrer hören.
„ESC“ bedeutete für das am Samstagabend erschienene Publikum
eben nicht „European Song Contest“ im Ersten, sondern eher wie
auf der Computertastatur ganz links oben die „ESC“-Taste –
„Escape“, also Flucht vor optisch aufgemotzten Trivialitäten.
Der Gang in die Hospitalkirche lohnte sich sehr. Denn das, was
das Colin Vallon Trio in dem ehrwürdigen Barockgemäuer zu bieten
hatte, entpuppte sich teilweise als wirklich „unerhört“.

Von den Avantgarde-Komponisten John Cage oder auch von Helmut
Lachenmann kennt man den geradezu provozierenden Begriff des
„präparierten Pianos“, doch Vallons „tastenlose“ Behandlung der
Saiten im Flügelinneren und die daraus resultierenden
ungewöhnlichen Klanggebilde bedeuten eine innovative Leistung
samt Wohlklangskomponente. Ein auf die Saiten gedrückter roter
Luftballon bewirkte etwas schnarrende Sounds, das Reiben tiefer
Basssaiten führte zu kristallinen hohen Obertönen. Mit diversen
Holzketten und Metallglöckchen konnte der Naturklang anderweitig
manipuliert werden. Hier wie da vernahm man immer wieder
balinesische Gamelanklänge. Schließlich entwickelten kleine
Spieluhren ein kinderliedhaftes Eigenleben.

Colin Vallon wurde 1980 in Lausanne, also in der
französischsprachigen Westschweiz, geboren. Seit zwei Jahren
lehrt er an Hochschule der Künste im Regierungssitz Bern. Seine
Themen hat er vielfach aus dem Balkan entlehnt, und die Stücke
heißen „Polygonia“, „Meral“ oder „Iskar“. Aber auch dem
unaussprechlichen isländischen Asche-Vulkan „Eyjafjallajökull“
wurde eine Komposition gewidmet. Symptomatisch an den Nummern
sind folkloristische Formeln, klare Skalenbezogenheit ohne
Funktionsharmonik, ostinate Figuren und Riffs sowie
minimalistische Patterns. Zeitgemäßes vereint sich da mit
historischen Bezügen, wenn man sich beispielsweise mit
Kirchentongeschlechtlichem bedient und vermeintlich Fragmente
wie „Maria durch ein Dornwald ging“ oder „Es sungen drei Engel“
auftauchen.
Die erste Konzerthälfte dauerte eine knappe Stunde und bestand
quasi aus einer pausenlosen Suite. Eine erklärte Gruppenmusik
mit steter interaktiver Kommunikation und keinen akrobatischen
Soloeskapaden. Bis auf eine minimale Verstärkung des
Kontrabasses von Maurice Moret blieben alle Instrument
„unplugged“. Das elektroverstärkerfreie Treiben dient nicht nur
der musikalischen Qualität, sondern schont sowohl die Gehörgänge
der Zuhörer als auch die Kasse der Veranstalter.

Zum rein akustischen Gelingen trug das subtile Spiel des
Schlagzeugers Samuel Rohrer bei. Bei seinem Beitrag namens
„Noreia“ kombinierte er geschickt seine „talking drums“ mit dem
von Colin Vallon traktierten nordfafrikanischen Daumenklavier
(„Mbira“).
Auch das nächste Konzert der Reihe „Jazztime“ wird wieder
„unplugged“ über die Bühne der Hospitalkirche gehen. Dort trat
Wolfgang Dauner zuletzt 2001 auf, am 28. September 2011 ist der
nächste Solo-Termin des nun 75-jährigen Pianisten, nach wie vor
der wichtigste und bekannteste Jazzer Baden-Württembergs. Ende
der 60er Jahre trat der damalige Experimentator drei Mal im Club
Alpha 60 in den Ackeranlagen auf.
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Text und Photographie von
Hans Kumpf