
Es gibt ja so manches jugendliches Klassikorchester, das ganz
organisch und harmonisch Völkerverständigung betreibt. Das vom
Landesmusikrat Baden-Württemberg initiierte „International
Regions Symphony Orchestra“ (IRO) ist eines davon. Neben
Talenten vom Ländle im Alter zwischen 16 und 25 Jahren spielen
hier hochbegabte Instrumentalisten aus Partnerregionen des
Südweststaats, vor allem aus den Gebieten um Moskau, Barcelona
und Lodz.
2010 stand exklusiv Gustav Mahler auf dem Programm in der
Musikakademie im oberschwäbischen Ochsenhausen. In den Jahren
zuvor interpretierte das Ensemble aber auch interessante
Kompositionen der Jazzer Wolfgang Dauner und Daniel Schnyder.
Der 1961 in Zürich geborene Schnyder, der mittlerweile New York
als Wahlheimat auserkoren hat, bestimmte nun unter dem Motto
„African Tales“ alle Stücke der 20. Arbeitsphase vom „IRO“.

Das Konzert im Theaterhaus unter dem kompetenten Dirigat von
Hermann Bäumer begann mit dem in romantisches und swingendes
Flair getauchten Satz „Agitata da due venti“ aus Antonio
Vivaldis Oper "La Griselda". Eigens für das Auftaktkonzert des
Musikfests Stuttgart, das in diesem Jahr „Wasser“ als
Generalthema bestimmte, tauchte Daniel Schnyder in Georg
Friedrich Händels „Wassermusik“ ein. Doch der Nesenbach
(respektive Neckar) ist nicht die Themse: Das
kontrapunktisch-stereophone Wechselspiel wurde gestört durch
atonale Attacken der Blechbläser mit frechen „wah-wah“-Dämpfern,
um dann in einem munteren Calypso zu landen.
Zu Arrangements von Stücken berühmter Jazzpianisten (Horace
Silver, Duke Ellington, Dollar Brand alias Abdullah Ibrahim)
gesellten sich zu dem 75köpfigen Orchester noch drei Solisten:
der österreichische Kontrabassist Peter Herbert, der in New York
lebende südafrikanische Drummer Michael Wimberly und Schnyder
selbst am Sopran- und Tenorsaxophon. Als Instrumentalist
inszenierte sich Daniel Schnyder solistisch überaus intensiv und
mitreißend, als gewiefter Arrangeur in amerikanischen Landen
verschmähte er allerdings nicht Geigen-Plüsch und Cello-Soße.
Aber eine gehörige Portion Percussion und widerborstige
Einsprengsel ließen keine kitschige Gemütlichkeit aufkommen.
Peter Herbert traktierte seinen Basskorpus zuweilen wie ein
Schlagzeug, und Schlagzeuger Wimberley streichelte die Trommeln
zart mit den Besen.

John Coltrane dient für Daniel Schnyder nicht nur instrumental
als Inspirationsquelle, auch dessen Hit „Afro Blue“ nahm sich
der Schweizer vor. Doch: Dreivierteltakt, ich hör Dir „Trapp“-sen
- da schlich sich ganz lieblich „My Favorite Things“ ein.
Coltrane hatte ja vor einem halben Jahrhundert die Schnulze aus
dem verfilmten Broadway-Musical „The Sound of Music“ für den
Free Jazz veredelt.
Nach der Pause wurde das opulente Hauptwerk des Konzertabends in
der fast vollbesetzten Halle 1 des Theaterhauses kredenzt: Das
Westküsten-Heldenepos "Sundiata Keita", welches vom Mythos des
Löwenkönigs erzählt. Michael Wimberlyer schien nun mit einem
roten afrikanischen Gewand auf der Bühne und begnügte sich mit
der Djembé-Trommel. Aus dem hochmusikalischen Mali kamen drei
weitere – ohne Notenmaterial agierende - schwarze Solisten:
Abdoulaye Diabaté als erzählender „Griot“ mit Gesang (und
unwichtiger Gitarre), Lansine Kouyatéam xylophonartigenBalafon
undBallaké Sissokoan der„Kora“-Harfe.

Das basisdemokratisch organisierte feminine „Orpheus
Vokalensemble“, welches wie das „IRO“ an der Landesmusikakademie
Ochsenhausen stationiert ist, hatte nach den Vorgaben des
Komponisten Schnyder Afrikanisches nicht irgendwie
„nachzuäffen“, sondern blieb sich seiner angestammten
europäischen Linie treu. Trotzdem gab es mit den diversen
Idiomen letztendlich ein stimmiges Miteinander, auch seitens des
von der globalen Kooperation ebenfalls begeisterten Orchesters.
Als flexibles Bindeglied fungierte improvisatorisch immer wieder
der Kontrabassist Peter Herbert. Auch bei der frenetisch
herbeigeklatschten Zugabe, die von den fünf Solisten alleine
bestritten wurden. Komponist Schnyder hatte sich bei dem
Heldenepos"Sundiata Keita", das er 2008 mit dem
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der ehrwürdigen
Philharmonie der Hauptstadt uraufführte, als etwaiger
Saxophon-Solist ausgespart.
![]()
![]()
Text und Photographie von
Hans Kumpf