
Lockerer Jazz an einem fußballfreien Sommerabend: Zum
dritten Mal gastierte der New Yorker Bassist Joseph Hayes
Kavanagh in Halls Hospitalkirche. Wieder ein vergnüglicher
Abend für Musiker und Publikum. Der Unternehmensberater
Alexander Schaeff hatte die Veranstaltung initiiert. Für das
Projekt „PolioPlus“ des Rotary Clubs war der Reinerlös
bestimmt.
Schwäbisch Hall. J. Hayes Kavanagh – dessen Nachname
auf irische Vorfahren schließen lässt und der auch
österreichische Vorfahren hat – gilt in Manhattan als einer
der bedeutendsten Anwälte. Sein herausragendes Spezialgebiet
ist das Einwanderungsrecht. Regelmäßig düst der jetzt
69-Jährige nach Europa und kombiniert dabei geschickt Beruf
und Hobby: Der clevere Jurist besucht auf dem alten
Kontinent Klienten und bringt im Gefolge ausgebuffte Profis
aus der New Yorker Jazzszene mit. Enge Bande pflegt er dabei
samt Bands mit der in Hessental ansässigen
Unternehmensberatung Schaeff. Im Rahmen einer zehntägigen
Tour, die per Bahn bewältigt wird, machte das Sextett
zwischen Auftritten in Wien und Aachen kurz Station in
Schwäbisch Hall. Die barocke Hospitalkirche bildet besonders
für Amerikaner einen unvergesslichen Musizierrahmen.

J. Hayes Kavanagh
Als beim Soundcheck bereits das erste Publikum in den Saal
kommt, lassen sich die Musiker nicht aus der Ruhe bringen.
Da intonieren sie mal flugs den modernistischen „Blues March“
von Benny Golson und erfahren von den deutschen
Jazzfreunden, dass der mit Kompositionstantiemen reich
gewordene einstige Art-Blakey-Saxofonist in Friedrichshafen
am Bodensee einen zweiten Wohnsitz gefunden hat.
Doch beim ersten Stück des Konzertabends machen die
Ostküsteninstrumentalisten einen gewaltigen Stilrückschritt.
In bester New-Orleans-Manier lassen sie „I Found A New Baby“
erklingen. Nach alter Tradition präsentiert die Trompete
stolz das Thema, während Klarinette und Posaune die
Hauptmelodielinie kontrapunktisch flink umranken. Alles wird
auswendig gespielt in Art einer spontanen Session –
knifflige Arrangements werden nicht bemüht. Dann ein Blues,
schön polyphon – wie ihn auch Louis Armstrong hätte bringen
können. Der aus Australien stammende Trompeter Simon
Wettenhall singt hierbei auch etwas raukehlig wie seinerzeit
Satchmo. Wettenhall verdingt sich übrigens immer wieder als
Spielpartner des Filmregisseurs Woody Allen, der ja gerne in
aller Öffentlichkeit als gemütlicher Oldie-Klarinettist
auftritt.

Allen Hermann
Mit einem noch bekannteren Amateur-Jazzer jammte 1993 der
Posaunist Allen Hermann zusammen – nämlich mit dem
US-Präsidenten Bill Clinton, der ja das Tenorsaxofon zu
traktieren vermag. Als Improvisator bevorzugt Zugposaunist
Hermann eine klare Melodieführung im hohen Register. Eine
Nummer ganz für sich hat der im Mississippi-Delta geborene
Tiefbläser bei dem getragenen Solo-Feature „Do You Know What
It Means To Miss New Orleans?“.
Wie Hermann, so war auch der Klarinettist und
Tenorsaxofonist Bill Easley schon 2003 mit der Gruppierung
von Kavanagh in der Hospitalkirche dabei. Easley, Jahrgang
1943, saß bereits im Ellington-Orchester und war Sideman von
Ella Fitzgerald. Und als Hayes Kavanagh seine Kollegen fragt
„What shall we play next?“, kommt von Easley sofort der
Vorschlag „Mellow Tone!“ – also die Ballade “In A Mellow
Tone“ des noblen Swing-Meisters Duke Ellington. Da bläst
Bill Easley ganz hot ins Horn und erinnert an den
fulminanten Ellington-Saxofonisten Paul Gonsalves.
Relativ jung im Kavanagh-Ensemble ist der Pianist Larry Ham, der in seinen Soli geschmackvoll zwischen „horn
lines“ und Blockakkordischem changiert. Joseph Hayes
Kavanagh hält sich im Hintergrund – optisch und akustisch.
Er zupft zuverlässig seine Kontrabasstöne, vermittelt jedoch
keine wesentliche musikalische Impulse. Mit einem Solo
wartet er nicht auf. Ein solches führt aber ganz zum Schluss
des Abends sein Jugendfreund Jack Carr aus, der am
Schlagzeug sitzt und zuvor keineswegs niederschmetternd,
sondern recht dezent agiert hat.
Religiöse Momente erlebt man im renovierten barockalen
Kirchengemäuer wiederholt. Als souligen Hard-Bop-Reißer
führen „The Great Old Men of Jazz“ den Horace-Silver-Hit „The
Preacher“ vor, und dann marschieren die drei Bläser quasi
als Heilige durch die voll besetzten Zuhörerreihen und
stimmen das fröhliche Beerdigungslied „When the Saints“ an.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann kommen Kavanaghs
Mannen mal wieder nach Hall…
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Text und Photographie von
Hans Kumpf