
Auch beim 5. JazzArtFestival in Schwäbisch Hall stellte sich
allgemeine Zufriedenheit ein: Die Musiker fühlten sich von den
Organisatoren geradezu liebevoll betreut, die Zuhörer lauschten
aufmerksam und qualitative Ausreißer der negativen Art gab es
nicht zu verzeichnen. Unter dem Dach des städtischen Kulturbüros
haben die diversen Einzelveranstalter wieder gute Arbeit
geleistet.
Die Vokalistin Cécile Verny war bislang auch außerhalb des
Festivals in der Salzsiederstadt ein gern gesehener Gast. Nun
bediente kompetent Lars groovend das konventionelle Schlagzeug,
schaffte mit folkloristischem Instrumentarium eine klanglich
subtile Atmosphäre und donnerte auch mal - wie einst Gene Krupa
- mit „talking drums“ los. Den stilistischen Spagat zwischen
akustischem Flügel und Keyboards samt Synthesizersounds
bewältigte beeindruckend Andreas Erchinger, der sich auch als
Komponist profiliert. Riffs und ostinate Figuren als metrisches
Fundament brachte oft Bernd Heitzler am Kontrabass und an der
Bassgitarre ein. Eine Musik, selche wirklich losgeht und auch
mal bedächtig innehalten kann – ohne sich dummdreist
anzubiedern.

Die Multikultikunst von Cécile Verny liegt in ihrer Natur: Als
Tochter einer Französin und eines Togolesen wuchs sie in der
Elfenbeinküste auf, wohnte dann in Frankreich und lebt seit zwei
Jahrzehnten im badischen Freiburg. Ein sprachliches Multitalent,
und ihre zumeist selbst gemachten Songtexte sind in Englisch und
Französisch. Aber neben den semantischen Inhalten, die
kitschfrei von Liebe bis zu Sozialkritik handeln, genießt bei
Cécile Verny wortfreies Singen wichtige Bedeutung. Sie streut
immer wieder, wie einst von Ella Fitzgerald so perfekt
praktiziert, improvisatorisch Scat-Vokalisen ein. Und dies
vermag nicht jede Dame, die wagt, sich „Jazz-Sängerin“ zu
nennen.
Die Alt-Stimme von Cécile Verny klingt angenehm und verfügt noch
über ein typisch westafrikanisches Timbre, wobei man sich an die
erzählenden „Griots“ erinnert fühlen kann. Besinnlichkeit, ganz
schnulzenfrei, kontrastiert sich mit überschäumender Vitalität.
Und die Musik taugt mal wieder als ein Lebenselixier.
Der Saxophonist und Klarinettist Jochen Feucht beteiligte sich
nun zum dritten Mal bei dem Festival. Er stellte gemeinsam mit
dem Gitarristen Boris Kischkatsein das (zuvor auf der nahen
Comburg als CD verewigtes) „Bossalibre“-Projekt mit
Kompositionen von Antonio Carlos Jobim vor. Brasilianische
Authentizität erreicht das Unternehmen durch die sowohl intro-
als auch extrovertierte Sängerin Viviane de Farias und den
subtil agierenden Schlagzeuger Mauro Martins. Ebenfalls ein
Dreier-Jubiläum durfte Kontrabassist Dietmar Fuhr begehen, der
nun mit seinem jüngeren Bruder Wolfgang (Tenorsaxophon) und dem
Pianisten Florian Ross ein schlagzeugloses Trio in
kammermusikalischer Noblesse betreibt.
Das Quartett „max.bab“ mit dem Saxophonisten Max von Mosch, dem
Bassisten Benjamin Schäfer, dem Drummer Andreas Haberl und dem
Pianisten Benedikt Jahnel (aus den Vornamensinitialen erklärt
sich der Bandname!) durfte mit ihrem Jazz von cool bis intensiv
einen überraschenden Publikumserfolg verbuchen. Skurrilitäten in
Perfektion offenbarten der Perkussionist Erwin Ditzner und Bernd
„Lömsch“ Lehmann, und das Mannheimer Duo vermochte es, auch
unbedarfte Rezipienten mit einem musikalisch ausgereiften Ulk zu
überzeugen.

Vijay Iyer aus New York präsentierte nach Allensbach in Hall zum
zweiten Mal in Deutschland sein neues „indisches“ Trio „Tirtha“.
Wie gewohnt, behandelte Iyer den Flügel in seiner typisch
perkussiven Art, Nitin Mitta entwickelte auf seinen
Tabla-Trommeln klanglich und metrisch-rhythmisch Heimatgefühle,
während Presanna seine E-Gitarre sowohl metallisch-rockig als
auch wie ein Sitar- und ein Sarod-Instrument erklingen lassen
konnte.
Eine leichter zu verdauende musikalische Kost servierte da schon
das in Deutschland ansässige internationale Trio des
schwedischen Pianisten Martin Tingvall. Ein seit langer Zeit
ausverkauftes Konzert.

Zu einem historischen Highlight gereichte der Auftritt des
E-Gitarristen Coco Schumann (Jahrgang 1924), der mehrere
Nazi-Konzentrationslager mit „Zufall und Glück“, wie er selbst
sagt, überlebte und immer noch seiner geliebten Swingmusik
huldigt. Mögen die Finger auch nicht mehr so flink wie früher
flitzen, geistig und witzig ist der Berliner noch voll da. Bevor
Schumann am Abend die eigentlichen Konzert-Events des
JazzArtFestivals eröffnete, erzählte der 86-jährige
Überlebenskünstler in einer extra anberaumten Lesung erstaunten
Jugendlichen von seiner dramatischen Vita.
Kammermusikalische Noblesse mit viel europäischer
Klaviertradition bei der Sonntagsmatinee vom JazzArtFestival:
Der französische Pianist François Couturier brachte
multistilistisch eine ganz eigene Note ins Spiel.
Jedenfalls ein Künstler des Münchener ECM-Labels sollte es sein,
bestimmte der führende Festivalmacher Dietmar Winter. Und es kam
zum Solo-Recital schließlich aus Frankreich François Couturier,
geboren 1950 bei Orléans. In der barocken Hospitalkirche spielte
der Tastenmann völlig „unplugged“ in akustischer Reinheit und
demonstrierte die Nachhal(l)tigkeit des Obertonspektrums. Der
ausgedehnte Gebrauch des rechten Pedals ließ die Klänge des
Steinway-Flügels lange irisierend im Raum schweben. Bebrillter
Blick ins Notenmaterial und eine instrumentaltechnische
Brillanz: François Couturier gibt sich als ein Perfektionist,
der an ungezügelter Spontaneität weniger Interesse zeigt. Das
klassische Know-how hat er drauf – da meinte man nacheinander
Bach, Chopin, Bartok und Mussorgsky heraushören zu können. Und
auch Keith Jarrett, dem ja Dank des Plattenproduzenten Manfred
Eicher und dessen ECM-Firma eine Weltkarriere beschert wurde.
Ein lautstarkes Rascheln mit dem Notenpapier ließ unbeabsichtigt
Assoziationen zur experimentellen Geräuschmusik des
Avantgardisten John Cage und speziell zum Kompositionszyklus
„Paper Music“ von Josef Anton Riedl aufkommen, dann willentlich
präzise strukturiert dissonante Cluster und klare Bezüge zu in
sich repetierender Minimalmusik. Schön kreiselnd erst recht eine
Nummer mit einem triolischen Riff und abruptem Schluss.
Doch immer wieder blitzten bei François Couturier im Diskant
linear „blue notes“ auf – und der Jazzbezug ist hergestellt und
das Herz eines Jazzers befriedigt. Kein zwölftaktiger Blues,
aber mitunter Balladen, die viel zu erzählen haben.

Ausgiebig beschäftigte sich François Couturier mit dem Werk des
russischen Filmregisseurs Andrej Arsenjewitsch Tarkowsky
(1932-1986). Mit einer Hommage an den berühmten Streifen
„Nostalghia“ fing es an, es folgte eine Plattenproduktion mit
einem Quartett und nun gibt es ganz neu von ECM wieder eine
Silberscheibe in Solobesetzung. So interpretierte François
Couturier vor dem aufmerksam lauschenden Publikum in der
Hospitalkirche Titel seiner neuen „Un Jour Si Blanc“ – von
„L’aube“ über „Der Blaue Reiter“ bis „Moonlight“. Couturier ließ
die Musik für sich sprechen – ganz ohne Ansagen und Erklärungen.
Das Rahmenprogramm beinhaltete eine Lesung von Gina Mayer in der
Stadtbibliothek, eine Kinovorstellung von „Sounds And Silence“
über ECM, ein mittägliches Big-Band-Konzert des örtlichen
Erasmus-Widmann-Gymnasiums sowie die noch bis Ende Juni im
Goethe-Institut andauernde Fotoausstellung „JazzArtFestival im
Fokus“.
![]()
![]()
Text und Photographie von
Hans Kumpf