Von Ochsenhausen in die russische Metropole
Das Interregionale Sinfonieorchester
spielte in der „Novaya Opera“

MOSKAU. Ein wunderbares
Konzert und harte Kontraste erlebten 45
Instrumentalisten aus Deutschland, Spanien, Belgien,
Polen und auch Russland in Moskau. Diese weilten vier
Tage lang in der Riesenmetropole, um dort mit dem im
oberschwäbischen Ochsenhausen stationierten
„Interregionalen Sinfonieorchester“ aus Anlass der
„Baden-Württemberg-Tage“ in der „Novaya Opera“ zu
konzertieren. Intensive Proben waren angesagt, doch
blieb auch noch etwas Zeit, sich einen markanten Teil
der imposanten Stadt an der Moskwa anzuschauen.
Wer ein Saitenkünstler ist, den bestraft das Leben, will
heißen: die sture russische Bürokratie. Die Streicher
mussten nämlich bei der Einreise auf dem neuen Moskauer
Flughafen Vnukovo eine nahezu dreistündige Zollkontrolle
über sich ergehen lassen. Violinen, Bratschen und Celli
wurden nach altkommunistischem Misstrauensmodus und
kafkaesker Bürokratie peinlichst genau inspiziert,
vermessen und dokumentiert. Man hätte ja mit einem
massengefertigten Yamaha-Saiter einreisen und das Land
mit einer edlen Stradivari oder einer unmelodiösen
Kalaschnikow im Instrumentenkoffer verlassen können… Die
korpulenten Kontrabässe wurden vor Ort ausgeliehen,
diese im Flieger zu transportieren, wäre auch zu teuer
geworden.
Nach wie vor gilt auch im neuen kapitalistischen
Russland Vladimir Iljitsch Lenins leitender Lehrsatz
„Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser“. Der tote
Gründer der verblichenen Sowjetunion wird jetzt zwar
nicht mehr bewacht, die Leiche kann man aber immer noch
zu bestimmten Zeiten besichtigen. Leute lassen sich vor
dessen Mausoleum an der Kreml-Mauer gerne ablichten, und
um den Roten Platz herum bieten sich spitzbärtige und
bemützte Lenin-Imitate an, von und mit den
Touristenhorden geknipst zu werden.
Welch ein Kontrast: Hier die Neureichen und protzige
Autos, ungestüme Büroglaspaläste, unzählige zum
Konsumrausch animierende Reklametafeln. Dann auch wieder
bittere Armut, Trostlosigkeit und verkommene Wohnsilos.
In Zeiten der internationalen Finanzkrise hofft
Baden-Württemberg, dass der Rubel trotzdem alsbald ins
Ländle rollt. Deshalb wurden drei
„Baden-Württemberg-Tage in Moskau“ inszeniert mit einer
Ausstellung und Referaten im Haus der Moskauer
Stadtregierung. Ministerpräsident Günther Oettinger (55)
kam mit Freundin Friederike Beyer (31), im Gefolge eine
230 Personen starke Delegation von prominenten
Politikern und wichtigen Wirtschaftsführern.
Baden-Württembergs Ministerpräsident wurde von den
Ministern Wolfgang Reinhart (Europa), Willi Stächele
(Finanzen) und Ernst Pfister (Wirtschaft) sowie
Staatsekretär Dietrich Birk (Wissenschaft) und
Landtagspräsident Peter Straub begleitet. Auch
Ex-Finanzminister Gerhard Stratthaus,
SPD-Landtagsfraktionschef Claus Schmiedel (Ludwigsburg)
sowie der Grünen-Finanzexperte Eugen Schlachter (Maselheim)
reisten mit. Zu der Wirtschafts- und
Wissenschaftsdelegation gehörten der Stuttgarter
Flughafen-Chef Georg Fundel, LBBW-Vorstandsmitglied
Peter Kämmerer, Dekra-Chef Klaus Schmidt, die
Uni-Präsidenten Karl Joachim Ebeling (Ulm) und Horst
Hippler (Karlsruhe) sowie zahlreiche Unternehmer aus dem
ganzen Land – vor allem Mittelständler. Vertreten war
natürlich auch die EnBW, die als Sponsor für das
Musikprojekt auftrat.
Die Polizei hatten die ansonsten meist verstopften
Straßen rigoros abgesperrt, um den verehrten Gästen aus
Süddeutschland im Konvoi freie und schnelle Fahrt zur
„Neuen Oper“ zu gewähren. Als Kultur-Highlight wurde in
dem Jugendstilbau das Interregionale Sinfonieorchester
präsentiert. Das IRO ist ja ein Ensemble, in dem
Jugendliche aus Baden-Württemberg und dessen
Partnerregionen an Seite von erfahrenen Profis die
aufregende Orchesterpraxis erlernen oder gar
vervollkommnen und nebenher Völkerverständigung
betreiben.
Großes Hallo und herzliche Umarmungen, als die Schwaben
und Badener wieder ihre spanischen und russischen
Freunde trafen. Man kannte sich ja von der
Landesakademie Ochsenhausen (Landkreis Biberach), wo der
klassische Klangkörper zuletzt im August letzten Jahres
geprobt hatte. Auch in diesen Sommerferien findet dort
ein Workshop mit Schwerpunkt „Alpensinfonie“ von Richard
Strauss statt. Öffentliche Konzerte sind dann ab 18.
August 2009 sukzessive in Ehingen, Ochsenhausen und
Oberstdorf anberaumt.
Das Programm für Moskau wurde jedoch an Ort und Stelle
einstudiert. Eine gewaltige Aufgabe, die da zu leisten
war. Auf dem Plan standen die 1783 geschaffene, fast
barockale Grosse Messe in c-moll (KV 427) von Wolfgang
Amadeus Mozart und die Munterkeit ausstrahlende
Chorfantasie (op. 80) Ludwig van Beethovens, komponiert
1808. Den ansonsten von Boris Tevlin betreuten (Kammer-)Chor
wurde vom Moskauer Konservatorium gestellt.
Mit stürmischem Beifall goutierte schließlich das
erlesene Publikum das ausgereifte Können der Youngsters.
Wenn manch Manager während des Konzertabends in der Oper
heftig mit dem Handy SMS versendete störte dies weniger,
als gut gemeinter Applaus nach den einzelnen
Mozart-Sätzen. Nach der überlaus gelungenen Darbietung
erschien Harald Reichl, Leitender Ministerialrat, bei
den Musikern im Restaurant, und bedankte sich im Namen
des Ministerpräsidenten für die perfekte Leistung.
Eigentlich hätte Professor Wolfgang Gönnenwein (76),
Präsident des für das IRO verantwortlichen
Landesmusikrats, das Konzert dirigieren sollen. Wegen
einer erfolgten Bypass-OP und der noch andauernden
Rekonvaleszenzphase musste er schweren Herzens absagen –
hatte er doch vor genau 30 Jahren in Moskau die dortige
Erstaufführung vom Mozart-Requiem bewerkstelligt. Doch
Gönnenweins Assistent, der 1975 geborene Cellist,
Pianist und Orchesterleiter Peter Tilling sprang mit
viel Verve ein – und überzeugte Musiker und Auditorium
aufs Beste. Aus Deutschland kam für das Beethoven-Opus
als hervorragender Solopianist Professor Konrad Elser
mit, die Vokalsolisten hatte man sich aus der nahen
Umgebung besorgt: Chibla Gersmawa sowie Ekatarina
Shcherbachenko (Sopran), Georgi Faradschew (Tenor) und
Alexej Tichomirow (Bass). Gleich in der ersten Probe
erhielten die russischen Gesangskünstler, auch die
Choristen, von den Instrumentalisten spontanen und
entzückten Beifall.
Weniger Freude hatte der Konstanzer Clemens Rengier am
Schluss seiner Reise. Da gab es wieder Zoff mit dem
Überwachungsstaat. Der Cellist berichtet: „Aus Versehen
hatte ich eine dieser „wichtigen“ Deklarationen, die wir
nach der Ankunft ausfüllen mussten, verloren. Obwohl
noch eine Kopie im Flughafenarchiv vorhanden war, hieß
es zunächst, dass eine Ausreise ohne Deklaration meines
Instruments nicht möglich sei. Natürlich konnten die
Beamten kein Englisch, zum Glück war aber unser
Konzertmeister in der Lage, als Dolmetscher zu
fungieren. Ob man denn die Deklaration nicht aus dem
Archiv holen könne, fragten wir. ‚Njet“ erwiderte der
Russe, er habe keinen Zugang – nur der Chef. Dies
erinnerte mich deutlich an den „Prozess“ von Franz
Kafka: Nicht enden wollende Bürokratie und eine anonyme
Macht. Nun riefen wir das Kulturministerium an, aber –
wie der Zufall es so will – wurde dort gerade eine
Mittagspause eingelegt. Nachdem ich dann mein Cello
auspacken sollte und eine helfende Frau aus dem
Kulturministerium den Beamten beschwatzte, durfte ich
schließlich gnädigerweise durch und kam noch pünktlich
beim Flugzeug an.“
Stichwortartig fasst Harald Maier, Geschäftsführer des
in Karlsruhe residierenden Landesmusikrats seine
Eindrücke zusammen: „Außerordentlich hohes Niveau der
russischen Solisten und des Chors, hervorragende
Kooperation mit dem Moskauer Kulturdepartment, einer
Abteilung der Moskauer Stadtregierung. Peter Tilling,
der wirklich unter schwierigen Bedingungen (minimale
Probenzeit mit dem Orchester, den Solisten und dem Chor)
ein tolles Konzert dirigiert hat, hat das Zeug zu einem
großen Dirigenten. Als Multibegabung er in kürzester
Zeit die Sympathien des Chors und der Solisten erobert.“
„It has been a great time in Moscow“, bestätigte auch
die Kontrabassistin Cristina Membrive Azor aus
Barcelona.
Mitgereist waren vom baden-württembergischen
Kultusministerium Gerda Windey und Johannes Grebe, die
bestätigen können, welch fabelhaftes Unternehmen das
Interregionale Siunfonieorchester ist. Ein wirklicher
Werbefaktor für den Südweststaat. Ein junger
sympathischer Klangkörper mit internationaler
Beteiligung und weltweitem Erfolg. In China hat das IRO
schließlich auch schon gastiert.





(Juni 2009)
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Text und Photographie von
Hans Kumpf