

In seinem Heimatland stieg Stanko sogar zu einer Hauptfigur
der Boulevard-Presse auf (oder ab?). Da wurde getitelt: „Tomasz
Stańko i Kasia Kowalska mają identyczne hobby - dywany!“ - der
Jazzer sammelt also (wie die Schlagersängerin mit dem
Allerweltsnamen) wertvolle Teppiche, mit denen er auch seine im
Wohnzimmer positionierte Übekabine schalldämmend sowie
orientalisch-heimelig ausstaffiert hat. Und er tritt häufig bei
Talk-Shows im Fernsehen auf – besonders nach dem Erscheinen
seiner viel beachteten Autobiografie „Desperado“, in der er sein
Drogen-Vorleben und diverse Frauen-Vorlieben nicht verheimlicht.
Markant dabei bleibt seine Kollektion von aufgesetzten
Krempenhüten, die seine – seit dem Twen-Zeitalter stetig
wachsende - Glatze kaschieren sollen.
1991, also zwei Jahre nach dem gesellschaftspolitischen Wechsel
an der Weichsel, befragte ich ihn beim Jazz-Baltica-Festival in
Kiel nach der ökonomischen Situation in seinem Heimatland. Die
allgemeine Lage schätzte er kritisch ein. Inzwischen geht es
Stanko sehr viel besser, auch finanziell. „Anfang der 1990er
Jahre begann für mich ein neuer Lebensabschnitt“, resümiert er
und führt fort: „Der Umbruch war wirklich eine ernsthafte
Angelegenheit. Da gab es auch keine Möglichkeit mehr,
Westdevisen auf dem Schwarzmarkt umzutauschen. Polen als armes
Land hatte nicht die Möglichkeit, Künstler wie mich groß zu
subventionieren. Deshalb änderte ich meine Lebensweise – ich
hörte auf mit den Drogen, ich stoppte das Trinken. Ich war am
Entscheidungspunkt angelangt – entweder abzustürzen oder
aufzusteigen. Da fing ich an, mein Leben genau zu kontrollieren,
auch vom ökonomischen Aspekt meiner Kunst her.“

Tomasz Stanko ist sich seines Marktwerts durchaus bewusst und
betont: „Die Musiker und die Fachleute wussten schon immer, dass
meine Musik sehr originell ist, dass ich einen ganz
individuellen Sound habe. In den letzten 15, 20 Jahren
profitiere ich nun davon. Dank des Münchener Labels ECM war mir
eine große internationale Karriere vergönnt.“
Der zum Teetrinker geläuterte Stanko liebt nach eigenem Bekunden
das Leben eines Reisenden: „Am Ende meines Erdendaseins läuft
alles fast perfekt. Ich lebe manchmal in New York, ich habe eine
Wohnung in Warschau, ich besitze auch eine Unterkunft in der
wunderschönen Stadt Krakau, in der ich aufgewachsen bin und
studiert habe. Überall herrscht eine andere Atmosphäre, das
gefällt mir.“
Trotz Jetlags und Thrombosegefahr - Tomasz Stanko düst gerne in
der Weltgeschichte herum, sorgsam gemanagt von seiner patenten
Tochter Anna. Besonders die amerikanische Ostküste hat es ihm
angetan: „Die besten Jazzclubs gibt es jetzt in New York,
wirklich professionell geführte Einrichtungen. Die Leute hören
nun genau zu beim Free Jazz. Es gibt jetzt viele Lokale mit
freier Musik. Es bestehen viele Spielmöglichkeiten. Mit meiner
amerikanischen Band konzertiere ich immer wieder in der „Merking
Hall“, in der ansonsten meist klassische Musik geboten wird. Ich
spiele zudem gerne im „Birdland“. Die haben eine gute Bühne, ein
guter Club. Ich spielte da mal drei Tage mit jeweils zwei Shows
hintereinander. Es war jeweils voll. Da kamen eine Menge Leute.
Nun wartet der Clubmanager auf ein neues Angebot von mir,
vermutlich komme ich mit meinem neuen Quintett“.
Dann legt Tomasz Stanko in seinen CD-Player eine Scheibe ein,
die er kurz zuvor mit seinem „Nordic Quintet“ bei Avignon
aufgenommen hat: Ruhige, meditative Musik mit viel Raum und
Atem, überhaupt nichts Aufgeregtes. Die jungen Partner des
Alt-Avantgardisten sind hierbei aus Finnland und Dänemark der
Pianist Alexi Tuomarila, der Gitarrist Jakob Bro, der Bassist
Anders Christensen sowie der Schlagzeuger Olavi Louhivuori, der
auch mal zu Frédéric alias Fryderyk Chopin trommelt.

Beim nationalen Chopin-Hype mischt Tomasz Stanko, der von den
Lesern der Zeitschrift „Jazz Forum“ mit schöner Regelmäßigkeit
zum „Musiker des Jahres“ gewählt wird, allerdings nicht so sehr
mit. Der Trompeter erinnert sich: „Meine jüngere Schwester
spielte in unserer Krakauer Wohnung viel Klavier. Sie übte die
ganze Zeit, und ich hörte die Klänge vom Nebenzimmer. Dieses
Einüben von Chopin-Musik hat sich in meinem Gedächtnis
verankert. Generell ist er unser großer Komponist. Als Künstler
hatte ich eigentlich keinen Kontakt zu seiner Musik.“ 2006
improvisierte Tomasz Stanko immerhin bei dem Festival „Chopin in
Europa“ zusammen mit dem japanischen Pianisten Makoto Ozone im
Sinne Fryderyks des Großen. Verjazzungsfähig sind für den
Blechbläser nach eigenem Bekunden lediglich „einige Balladen und
Nocturnes“. Immerhin: Zum 200. Geburtstag des polnischen
Nationalhelden intonierte er bei einem Quartett-Konzert in der
Warschauer Kulturlokalität „Palladium“ am 4. August noch etliche
Préludes.
Mit dem renommierten Komponisten Krzysztof Penderecki
kooperierte der Jazzer bislang nur ein einziges Mal, als er bei
der Uraufführung von dessen „Actions“ 1971 in Donaueschingen
beteiligt war. Die 1965 aufgenommene LP „Astigmatic“ mit Roman
Polanskis legendärem Filmmusikkomponisten Krzysztof Komeda
(„eine sehr berühmte und schöne Platte, sie bedeutete den Beginn
meiner Karriere“) gilt nach wie vor als der wichtigste polnische
Jazz-Tonträger aller Zeiten. Der Clou dabei: Für die
Studioproduktion wurde kurzfristig der deutsche Kontrabassist
Günter Lenz hinzugezogen, der damals zusammen mit dem
Posaunisten Albert Mangelsdorff in Warschau weilte. Dem
historischen Dokument kann man heutzutage sogar auf
unterschiedlichen CD-Veröffentlichungen lauschen.
Tomasz Stanko, jetzt 68 Jahre alt, betätigt sich jedoch nach wie
vor selbst als Komponist für Filme, Fernsehen und für politische
Anlässe. So schuf er 2004 die Musik anlässlich der feierlichen
Einweihung des monumentalen Museums über den Warschauer Aufstand
von 1944. Auf „YouTube“-Sequenzen sieht man ihn da neben dem
damaligen Bürgermeister Lech Kaczynski, dem späteren polnischen
Staatspräsidenten, der ja am 10. April 2010 bei dem tragischen
Flugzeugabsturz im russischen Smolensk ums Leben kam. „Seine
Tochter Marta war mein Fan“, freut sich Stanko, und dies habe
sich auch auf den Vater übertragen, mutmaßt er. Im New Yorker
Jazzclub „Birdland“ gedachte Stanko kurz nach der Katastrophe
mit „April 10th“ musikalisch des Unglücks, welches insgesamt 96
Menschenleben gefordert hatte.
Tomasz Stanko gehörte zu den Stammgästen der – leider nicht mehr
existierenden - Nürnberger Biennale „Jazz Ost West“, zumal er
geraume Zeit in Würzburg wohnte. Als er Ende Juli vergangenen
Jahres in der Katharinenruine der Frankenmetropole brillierte,
entwickelte der Künstler ein abwechslungsreiches Programm
zwischen sanften Balladen und akzentuierten Up-Tempo-Nummern.
Variabel und versiert setzte Tomasz Stanko seine drahtlos
verstärkte Trompete ein: Angekratzt und luftig, cool und rockig,
growlend und schreiend mit „sheets of sounds“, jubilierend und
sanftmütig.
Eben: Eine polnische Trompeten-Stimme mit ganz eigenem
Charakter, die seit einem halben Jahrhundert global immer mehr
aufhorchen lässt und ihresgleichen sucht.
Info: Schwäbisch Hall
JazzTime: Tomasz Stanko Nordic Quintet
19.10.2010, 19:30 Uhr, Hospitalkirche
Tomasz Stanko: Trompete; Jakob Bro: Gitarre; Anders Christensen:
Elektrobass; Alexi Tuomarila: Piano; Olavi Louhivuori:
Schlagzeug
Eine Veranstaltung vom
Jazzclub Schwäbisch Hall in Kooperation mit dem Kulturbüro
![]()
![]()
Text und Photographie von
Hans Kumpf