Alexander von Schlippenbach und Alan Skidmore
bei der jazzwerkstatt Nr. 4 in Berlin, 15.03.2007
Ein Bericht von Jürgen Sprave
Die
jazzwerkstatt ist umgezogen. Als neuer Spielort wurde das direkt an der
Spree gelegene RADIALSYSTEM im Bezirk Friedrichshain gewählt, der zur Zeit
wohl angesagteste Veranstaltungsort Berlins. Das erst letztes Jahr umgebaute
ehemalige Pumpwerk bietet mit seinem rohen Charme und seiner entspannten
Unbestimmtheit eine anregende Werkstattatmosphäre, wie sie für ein
experimentelles Kulturprogramm nicht besser sein könnte.
Mit ANOTHER REALBOOK steht an diesem Abend jedoch zunächst die Huldigung
zweier Klassiker des Modern Jazz auf dem Programm. Thelonious Monk und John
Coltrane waren zu ihrer Zeit zwei der innovativsten Musiker, die unbeirrbar
ihren eigenen Weg gingen, deren Zusammentreffen Mitte der 50er Jahre aber
bis heute als ein Höhepunkt des Jazz gilt. An diesem Abend hat man noch
einmal die Gelegenheit die Musik der beiden live zu erleben, wenn auch unter
ganz anderen Bedingungen.
Es gibt zahllose Tribute für den musikalischen Querdenker Thelonious Monk.
Die Aufnahme seines Gesamtwerkes durch den Pianisten Alexander von
Schlippenbach und die Band DIE ENTTÄUSCHUNG (Axel Dörner: tr / Rudi Mahall:
b-cl / Jan Roder: b / Uli Jenessen: dr) ist jedoch schon fast selbst zum
Klassiker geworden. Die Musiker haben die vertrackten Kompositionen Monks
inzwischen völlig verinnerlicht und einen ebenso spielerischen wie
individuellen Umgang damit entwickelt. 2007 ist eben nicht 1957 und Berlin
ist nicht New York. Das hört man, das klingt alles etwas schroffer und das
ist auch gut so. Schlippenbach ist auch nicht Monk und er versucht daher gar
nicht erst, dessen eigensinniges und kantiges Klavierspiel zu imitieren. Er
spielt eher verhalten und legt auf dem Klavier das musikalische Fundament,
auf das die beiden Bläser Spitzen, Ecken und Kanten setzen können. Diese
gehen dabei mit kabarettistischem Humor vor. In meist kurzen Stücken wird
ein rasanter Schnelldurchlauf durch Monks exzentrische Klangwelt
präsentiert. Das kindliche, Monks Sohn gewidmete LITTLE ROOTIE TOOTIE wird
mit seinen schrillen Dissonanzen und überraschenden Wendungen zu einem
Kabinettstückchen, das einen Zuhörer zu dem Kommentar „Süß!“ hinreißt.
CREPUSCULE WITH NELLIE hingegen, Monks wohl nachdenklichste und
gefühlvollste Ballade, wird mit ihrem Stop & Go-Tempo von Dörner und Mahall
für ein liebevoll verschachteltes Duett genutzt. Vor allem der immer
schelmisch wirkende Rudi Mahall ist mit seinen gezielt gesetzten,
subversiven Kieksern und Überbläsern auf der Bassklarinette ein idealer
Interpret von Monks irritierender Musik. Leider ist die ehemalige
Maschinenhalle etwas hallig (hier sollte der Architekt unbedingt nochmal
nachrüsten!), so dass einige Details etwas an Schärfe verlieren und
Schlippenbachs Spiel ein wenig blass erscheint.
Der Ansatz von Alan Skidmore ist ein ganz anderer: Mit seiner sehr jungen,
aber hervorragenden Band (Mike Gorman: p / Aidan O'Donnell: b / Ian Palmer:
dr) orientiert er sich eng an den Originalen Coltranes. Seine Annäherung an
dessen Werk ist im besten Sinne konservativ. Selbst im Klang ist der
Tenorsaxofonist seinem großen Vorbild sehr ähnlich. Hier wird
Traditionspflege betrieben, aber auf höchstem Niveau. Dabei ist der
britische Jazzveteran Skidmore souverän genug, dass er schon mal minutenlang
sein Instrument beiseite stellt und seinen Begleitern aus einiger Entfernung
- ganz gentlemanlike - in aller Ruhe zuhört. Man mag ihm vorwerfen, dass
seine Interpretation von Coltrane dessen bahnbrechende Innovationskraft
vermissen lässt. Diesen Vorwurf entkräftet Skidmore jedoch umgehend: Mit
einem musikalischen Bogenschlag vom gefälligen BUT NOT FOR ME bis zu
ausgedehnten und energiegeladenen Versionen von RESOLUTION und IMPRESSIONS
gelingt Skidmore und seinen Begleitern das Kunststück, jene drängend
berauschende Wirkung zu erzeugen, die für die Musik von Coltrane so typisch
ist. Am Ende trampelt das Publikum vor Begeisterung mit den Füßen, etwas,
das man bei einem Jazzkonzert schon lange nicht mehr erleben konnte!
Es bleibt zu wünschen, dass die jazzwerkstatt das RADIALSYSTEM auch
weiterhin für ihre Konzerte nutzt. Gerade dieser Veranstaltungsort würde
auch den idealen Rahmen für noch experimentierfreudigere Auftritte bieten.
Ich freue mich auf laue Sommerabende in dieser kreativen Atmosphäre und das
Pausenbier auf der Terrasse mit Spreeblick.


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